Stella Engel: Der erste Schutzauftrag – 05. Bei Raela zuhause

Guten Tagliebe Engelfans,

hier kommt das fünfte Kapitel des Stella Engelromans! An diesem Abend geht es für Stella sehr harmonisch zu, was aber die Ruhe vor dem Sturm ist. Denn am nächsten Tag steht das erste Treffen mit den Verantwortlichen der Seherline bevor.
Aber jetzt kommt erst einmal etwas über Stellas Mitbewohnerin und ihr irdsiches Zuhause.

Liebe Grüße

Paula Grimm
05. Bei Raela zuhause

Mit Menschenaugen betrachtet machen der Brunnenweg und das ganze Viertel nicht viel her. Nachts sind eben alle Katzen grau, und die Häuser einer ehemaligen Werkssiedlung sehen gleich aus. Immerhin kann man erkennen, dass alle Häuser über einen kleinen Vorgarten verfügen, ein Spitzdach haben und aus Klinkern gebaut sind. Während ich darauf warte, dass Raela mir öffnet, sehe ich mich um und stelle fest, dass an mein neues Zuhause irgendwann eine geräumige Garage angebaut worden ist.

Und dann geht die Tür auf. Und ich sehe Raela. Sie ist klein und zierlich. Und ich bin sicherlich nicht die Einzige, die bei ihrem Anblick an ein Eichhörnchen denkt. Nicht nur, dass sie mir mit einem lebhaften Satz entgegen springt und mir um den Hals fällt. Sie hat lustige Knopfaugen und schwarzes Haar, das im Licht der Flurbeleuchtung rötlich glänzt.
„“’nabend Stella! Ich freue mich, dass Du endlich da bist! Komm‘ doch einfach erst mal ‚rein!“
Für eine Frau ihrer Größe ist die Stimme recht tief. Sie klingt warm und ein bisschen rau. Ich hoffe für sie, dass sie nie hat für den Engelchor vorsingen müssen.

Raela zeigt mir zunächst das Haus. Im Erdgeschoss sind die große Wohnküche, das Wohnzimmer, ein Arbeits- und Gästezimmer und eine Gästetoilette. Im ersten Stock gibt es zwei geräumige Schlafzimmer und ein großes Bad mit Dusche und Badewanne. Und es ist so geräumig, dass auch noch Platz für die Waschmaschine vorhanden ist. Darüber hinaus gibt es auch noch ein gemütliches Handarbeitszimmer. Im Winter kann die Wäsche im ausgebauten Speicher getrocknet werden. Mir gefällt vor allem, dass das große Fenster meines Zimmers auf den garten sieht. Alles ist ordentlich und sauber. Und Raela hat einen guten Geschmack, was die Einrichtung betrifft. Solide aber keineswegs protzige Möbel stehen in allen Zimmern. Es gibt in den Zimmern, die wir gemeinsam benutzen, liebevoll gepflegte Topfpflanzen und wenig Dekoration. Devotionalien gibt es überhaupt keine. Wir Engel brauchen keinen religiösen Schmuck.

Nachdem ich alles, auch den Keller, gesehen habe, gehen wir in die Küche und setzen uns auf die Eckbank. „Magst Du vielleicht einen Tee trinken?“
„Wenn Du einen Pfefferminztee hast,gern!“
Ich sehe mir das Regal mit den Teedosen an. Große Büchsen, die sorgfältig beschriftet sind, stehen dicht gedrängt auf drei Regalbrettern. Und ich entdecke sowohl Nanaminze als auch Marokkominze. Ich zeige auf die Dose mit der Marokkominze und Raela nickt begeistert.

Sie setzt Wasser für eine sehr große Teekanne auf. Dann geht sie zum Küchenfenster und nimmt einen Stapel Papiere von der Fensterbank und reicht sie mir.
„Das eine ist der Mietvertrag und dann ist da auch noch Post von Seherline gekommen!“ Als sie den Mietvertrag erwähnt, bekommt ihr Gesicht einen beschämten Ausdruck.

„So’n Menschenwerk muss eben sein! Und meine Nachbarin, die Anwältin für solche Sachen ist, hat gesagt, dass ich eine Miete von 300 € für alles nehmen soll!“

„Man muss diese Unterlagen ja öfter auch mal vorlegen. Und die Finanzverwaltung wird sich vielleicht auch dafür interessieren, weil ich ja zuhause arbeite!“
Raela nickt. Aber ihrem Gesicht ist anzusehen, dass sie nichts oder weniger nehmen will, Mietspiegel hin oder her.

Ich unterschreibe beide Verträge und nehme mir dann den großen Umschlag mit denAnschreiben, dem Vertrag, den AGB und der Werbung der Seherline vor. Der Wasserkessel pfeift und Raela gießt den Tee auf.
„Da hat auch mehrfach ein Typ angerufen, der Dich für morgen in den Marktweg 5 bestellt hat. Du sollst um Punkt halb zehn da sein!“
„Die wollen mich bestimmt life testen, obwohl das bei diesen Lines nicht üblich ist. Aber, was soll’s!“
Ich beschließe gleich den Vertrag und die AGB zu lesen und zu unterschreiben. Dann ist alles erledigt.

Wir trinken gemütlich Marokkominztee. Diese hervorragende Sorte kann gleichzeitig wärmen und erfrischen. Und das macht auch der Geschmack. „Wie lange bist Du schon im Erdeinsatz?“
„Seit 1628! Aber ich sage es Dir lieber gleich. Es hat auch eine Unterbrechung gegeben. Ich habe immer als Hebamme oder Krankenschwester gearbeitet. Von 1628 bis 1973. Dann hat mein Herr und Meister, äh, Gabriel, mir eine Pause verschafft. Ich war in beiden Weltkriegen und in verschiedenen Ghettos und Lagern und dann auch noch in Korea und in Vietnam. Und dann war ich auf, wie man so sagt!“
„Jeder braucht mal eine Pause ob Engel oder anderes Wesen. Was soll daran verwerflich sein?“ „Du weißt doch, wie das ist, wie sie sich die Mäuler zerreißen!“
Und ob ich das weiß. Unwillkürlich muss ich an Dorothea Glück und die anderen zehn „Frischlinge“ denken und daran, dass davon die Rede war, dass wir uns wiedersehen werden.
Die Erzengel sind zu aufmerksam und zu streng, dass es Mobbing unter Schutzengeln gibt, aber fiese allzu menschliche Attacken gegen Engel, die vermeintlich Schwächen zeigen, sind bedauerlicherweise keine Seltenheit.
„Ich bin ja auch zuständig für die Treffen der neuen Schutzengel der Region. Sie finden jeden Monat statt, offizielle Anweisung von ganz oben. Und Du weißt ja, wie manche auf so was reagieren!“
„Mich jedenfalls freut es ungemein, dass man Dich von oberster Stelle zur Führerin für unsere Gruppe gemacht hat. Und wo finden die Treffen statt?“ „Na, hier bei uns zuhause!“
„Auch das finde ich eine tolle Idee! Und ich denke, dass Dich diese Wahl ehrt, dass die von ganz oben gemerkt haben, was das hier für ein gemütlicher und zauberhafter Ort ist!“ Ich lächele Raela an. Und sie erwidert mein Lächeln.

Es entsteht eine kleine Pause. Dann sagt Raela:
„Ich merke, wie gut wir uns verstehen. Und wir hatten es wohl beide nicht einfach mit den Kollegen! Ich habe diese und nächste Woche frei. Dann kann ich mich endlich auch wieder mal um den Garten kümmern. Schade ist, dass wir keinen Hund haben. Früher haben meine Eltern und ich immer einen Hund gehabt. Hier passt auch wieder ein Hund ‚rein. So ein Hund ist ein guter Ausgleich für die Sachen, die Engel als Mensch so machen muss, findest Du nicht auch?“ Ich nicke ihr begeistert zu.

Von Gartenpflege verstehe ich zwar nichts. Aber ich liebe Tiere und Pflanzen. Und Hunde mag auch ich besonders gern. Wir sehen einander an. Und wir wissen augenblicklich, dass wir uns nicht nur einig sind, was die Hundefrage betrifft. Wir wissen auch, dass wir bald auf den Hund kommen werden, ohne dass wir uns darum bemühen müssen.
„Das Glück einen Hund zu haben, der unsere Hilfe braucht, wird uns bald zufliegen!“ sagt Raela mit einem ganz warmen Lächeln im Gesicht.
„Das fühle ich auch. Apropos fliegen! Wann hast Du eigentlich Deine Flügel wieder bekommen?“ „am heiligen Abend 1751!“
Die Enttäuschung und das Entsetzen über so eine lange Zeit steht mir wohl überdeutlich im Gesicht geschrieben. Auf Raelas Gesicht zeigt sich ein verschmitztes Lächeln, als sie sagt:
„Dass es soooooo lange gedauert hat, lag bestimmt daran, dass ich mich nicht um die Flügel gekümmert habe. Mir war das nicht so wichtig. Allerdings bin ich jetzt natürlich froh, mich bei Bedarf ganz unauffällig beflügeln zu können. Als ich hier als Menschenkind gelebt habe, war es gut, von dieser Fähigkeit Gebrauch machen zu können und so zu spüren, dass ich wirklich noch ein Engel bin!“

Es ist eine besondere Ehre für Schutzengel mit einer Kinderidentität auf der Erde leben zu dürfen. Es ist aber auch eine besonders große Herausforderung. Es ist ein schwieriger Spagat ein hilfloses Baby oder Kleinkind zu sein, alle Phasen der menschlichen Entwicklung durchlaufen zu müssen und mit Engelfähigkeiten ausgestattet zu sein und von ihnen bei Bedarf Gebrauch zu machen. Denn die Menschen sollen meist ja nicht merken, dass sie es mit einem Schutzengel zu tun haben.

Wir reden noch ein Bisschen über Handarbeiten und andere Dinge, die wir mögen. Und dann ist die Teekanne leer, und wir beschließen zu Bett zu gehen. Engel brauchen eigentlich keinen Schlaf, um zur Ruhe zu kommen, um Kraft für ihre Aufgaben zu schöpfen. Aber wir müssen physisch wie Menschen sein, damit wir nicht auffallen.

Doch bevor ich mich umziehe und hinlege, setze ich mich noch an den Sekretär, der in meinem Zimmer steht und bearbeite die Dokumente für die Seherline. Ich unterschreibe den Vertrag und die Geschäftsbedingungen mit links. Was mir schwer fällt ist die Eintragung meiner Preisvorstellung. Ich werde 15 Cent pro Minute nehmen, damit ich 09,00 € in der Stunde verdiene, und damit meine Kunden einen Minutenpreis erhalten, der unter einem Euro liegt. Natürlich kann ich rechnen. Und ich habe den Umgang mit Geld im Schutzengelseminar gelernt. Doch ich fühle mich unbehaglich, wenn es um Finanzen geht, und wenn ich Geld für das nehmen muss, was ich kann.

Als ich endlich in dem schönen, alten Bett liege, das in meinem Zimmer steht,gebe ich Magdalena, die inzwischen auf der Intensivstation liegt, noch eine weitere Berührung. „Das hast Du gut gemacht!“ sagt Gabriel zu mir.
„Ich danke Dir Herr und Meister für dieses Zuhause und die Gesellschaft von Raela!“
Gabriel lächelt und weist mich diesmal nicht auf seinen Namen hin. Diesmal habe ich ihn ja auch aus Bewunderung und nicht aus Vergesslichkeit so angesprochen.
„Sie wollen mich morgen testen, die von der Esoterikline. Soll ich darauf bestehen, so bald als möglich freigeschaltet zu werden?“
„Sie haben es eilig! Also kannst Du auf einer schnellen Freischaltung bestehen. Technisch ist eine Freischaltung in 24 Stunden kein Problem!“ „Dankeschön, Gabriel!“
„Na, geht doch!“
© Paula Grimm, 2015
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Und hier kannst Du lesen, wie alles begann, denn unter dem folgenden Link findest Du den aktuellen Stand des Engelromans

https://paulasromantik.com/aktueller-stand-des-engelromans/

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Diesen Blog führe ich seit dem 16. November 2012. Als Autorin benutze ich das Pseudonym Paula Grimm. In diesem Blog findet Ihr nicht nur Prosatexte, Haikus und Essays sondern auch Wissenswertes über das Schreiben, Barrierefreiheit, Internetshops und Webseiten, die ich bei meinen Streifzügen durch das Web finde und alles, was mich privat und beruflich interessiert. Christiane (Texthase Online)
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