Stella Engel: Der erste Schutzauftrag – 06. Das ganz andere Personalgespräch

Liebe Engelfans,

in diesem Kapitel lernt Stella ihren irdischen Chef kennen. Ich wünsche Euch gute Unterhaltung bei dem ganz anderen Personalgespräch!

Liebe Grüße

Paula Grimm

06. Das ganz andere Personalgespräch

Obwohl ich meinem Wesen nach der Ewigkeit angehöre, fange ich gar nicht erst damit an, die begrenzte Zeit der Menschen auf Erden zu verschwenden. Und so stehe ich um fünf vor halb zehn vor dem Haus im Marktweg. Ich frage mich, ob es wohl unhöflich ist, jetzt schon zu klingeln. Oder soll ich noch einmal die kleine Straße auf und ab gehen, bis es von der Kirchturmuhr halb Zehn schlägt? Mir bleibt auf jeden Fall die Zeit mich genau umzusehen. Dass ich mich hier in der Werkssiedlung befinde, zu der auch das Haus gehört, in dem Raela und ich wohnen, ist offensichtlich. Auch dieses Häuschen hat einen Vorgarten. Es ist aus roten Klinkern gebaut, hat zwei Etagen und einen spitzen Giebel. Es ist auch genauso groß wie unser Zuhause. Allerdings haben die Bewohner dieses Hauses keine Garage angebaut. Und es gibt im Erdgeschoss keine grünen Fensterläden sondern hell gestrichene Rollläden wie in der ersten Etage. Ich mag diese Art von Häusern. Und dieses Haus hat auf mich die selbe anheimelnde Ausstrahlung wie unser Zuhause im Brunnenweg. Als ich mich umgesehen habe, entschließe ich mich dazu zu klingeln. Ich drücke auf den Knopf und im Haus erklingen zwei Glockentöne.

Plötzlich höre ich auf dem Weg hinter mir große Schritte und das leise Klicken von Tierpfoten.”Guten morgen!” sage ich und drehe mich um.
Ein blinder Mann und ein schokoladenbrauner Hund im Führhundgeschirr kommen auf mich zu. Der Mann ist Anfang fünfzig, ungefähr 1.85 m groß, hat schwarzes Haar mit einigen silbernen Strähnen dazwischen,, einen Bart, der ebenfalls leicht meliert ist. Er ist korpulent. Man sieht ihm aber an, dass er überhaupt nicht Träge ist. Er wirkt gleichermaßen weich und stark. Und als er meinen Gruß erwidert, darf ich erfreut feststellen, dass auch seine Stimme stark, sanft und lebhaft klingt. Sie ist tief und ein bisschen Rau.”Guten morgen! Sie sind sicher die Dame, die Bendix, ähm, Herr Krämer zum Vorstellungsgespräch eingeladen hat!” “Ja, ich bin Stella Engel und möchte zu Herrn Krämer!”
“Da werden Sie noch eine Viertelstunde oder so warten müssen. Dem Herrn ist wieder mal in letzter Minute eingefallen, dass er ganz dringend mit einer seiner anderen Beraterinnen, Arunja, reden muss. Aber kommen Sie einfach ‘rein! Ich bin übrigens Leo Bass!”

Wäre ich als Mensch nicht mehr als halb so alt wie er, würde ich ihm spontan das Du anbieten. Denn seine Herzlichkeit gefällt mir sehr. Er schließt die Haustür auf, und wir gehen hinein. Zuerst nimmt er seinem Hund das Geschirr ab.”Möchten Sie auch einen Kaffee und ein zweites Frühstück?”
“Einen Kaffee trinke ich gern. Aber Hunger habe ich keinen! Danke!” “Ich muss erst mal was essen. Ich war bei der Blutabnahme. Da muss man ja nüchtern kommen!”
Das Haus ist auch im Inneren ähnlich gestaltet wie mein neues Zuhause. So befindet sich auch hier die geräumige Wohnküche links von der Haustür. Auch hier gibt es eine gemütliche Eckbank und einige Stühle, die um einen großen Tisch stehen, auf dem eine blaue Wachsdecke liegt. ein benutztes Frühstücksgedeck, eine rote Thermoskanne, ein leerer Brotkorb und eine Dose mit verschiedenen Wurstsorten stehen auf dem Esstisch.”Mal sehen, ob er heute wenigstens sein Frühstück weggeräumt hat!”Als Herr Bass die Sachen auf dem Tisch findet, schüttelt er verärgert den Kopf, nimmt die Thermoskanne, schüttelt sie kurz und brummt:
“natürlich leer! – Wenn er sich an den Kosten und der Hausarbeit so beteiligen würde, wie er isst und trinkt, wäre es so gerade mit ihm auszuhalten!” ER stellt die Wurst in den Kühlschrank und setzt Kaffee auf.
Ich habe mich auf der Eckbank niedergelassen und der Hund beginnt mich ausgiebig zu beschnuppern. Ich streichle ihn.”Thessa, du sollst dich nicht immer direkt an die Leute heranmachen. Du weißt doch, dass das nicht jeder mag!” “Mir macht es nichts aus, und ich kraule Thessas weiche Ohren.
Herr Bass räumt das Frühstücksgeschirr meines zukünftigen Chefs in die Spülmaschine und macht sich ein Käsebrot. Während wir Kaffee trinken unterhalten wir uns. Ich erfahre, dass Leo Bass eine Teilzeitstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität hat und als Onlinejournalist arbeitet, dass ihm dieses Häuschen gehört, das er von seinen Eltern geerbt hat, und dass gleich Lea Hafenmeister kommt, der er angeboten hat, so lange in seinem Gästezimmer zu wohnen, bis Magdalena wieder kommt.”Sie fühlt sich so einsam. Und unter Menschen hat sie etwas Ablenkung. Sie ist wie Magdalena auch ein ruhiger und unkomplizierter Gast!”

Es ist nach viertel nach zehn, als endlich schwere, schlurfende Schritte und das Tippen eines Blindenstocks auf dem Weg vor dem Haus zu hören sind, und schließlich die Tür aufgeschlossen wird.
“Ist die Frau Engel schon da?” fragt eine tiefe, leicht nuschelnde Stimme.”Guten morgen, erst mal!” meint Leo Bass. “Und was heißt hier schon? – Du hast sie für halb zehn bestellt”
“naja, ich hab’ eben immer andere Sachen um die Ohren!” nuschelt Bendix Krämer und betritt die Küche. Er setzt sich an den Tisch und beginnt unablässig zu schaukeln. “Krieg’ ich denn hier keinen Kaffee?” fragt er wie ein beleidigtes Kleinkind. “Hol’ dir ‘ne Tasse! Kaffee ist noch da!”
Bendix Krämer steht auf und wackelt zum Küchenschrank. Und dabei setzt er eine gekränkte Miene auf.Ihn kann man beim besten Willen nicht als korpulent oder wohl beleibt bezeichnen. Er ist fett und zwar auf eine träge Art. Obwohl er unablässig schaukelt und in Bewegung ist, geht von ihm eine Passivität aus, die unangenehm ist und sich klebrig anfühlt. Und dass er ständig wackelt, fühlt sich platzgreifend und beengend an. Doch es ist offensichtlich, dass er trotz seiner Nachlässigkeit und Trägheit sehr genau weiß, was er tun muss, damit sich die Welt nur um ihn dreht. ich muss also aufpassen.”Ich bin dann in meinem Arbeitszimmer!” sagt Leo Bass, steht auf und geht aus der Küche. Thessa folgt bei Fuß. Leo Bass macht hinter sich die Küchentür zu.

Als wir allein in der Küche sind, beginnt mein irdischer Vorgesetzter schneller zu schaukeln als zuvor. Er ist nicht schmutzig oder unsauber gekleidet. Aber er stinkt mir gewaltig. Ich kann die Dominanz, die sein Körpergeruch verströmt und das süßliche Männerparfum oder Aftershave, das nicht zu ihm passt und zu viel ist, nicht ausstehen. ich weiß, dass ich mich von Anfang an gegen ihn behaupten muss.

“Stella, ich habe dich auf anraten von Arunja eingeladen. Normalerweise stellen wir Leute unter 25 Jahre nicht ein. Wir sind überein gekommen dich ab 01. Juni bei unserer Seherline zu beschäftigen!”Er erwartet wohl, dass ich mich jetzt für seine Großzügigkeit bedanke.””Herr Krämer, ich bin nicht vor dem 01. Juni hierher gekommen, um Sie zu ärgern. Ich habe mich nicht so schnell um den Vertrag gekümmert, um tatenlos herumzusitzen. Außerdem bin ich jung und brauche das Geld. Meine Zugangsdaten sind schnell eingegeben. Und in Ihren Unterlagen steht, dass Berater innerhalb von 24 Stunden freigeschaltet werden können.”
Er brummt unwillig vor sich hin. Dann greift er in seine Hosentasche, zieht ein Handy heraus und tippt eine Nummer ein.”Hallo Arunja, mein Schatz! Ich sitze hier mit der Engel. Sie verlangt ab morgen schon für uns arbeiten zu dürfen!” Nachdem er das in einem nachlässigen Tonfall gesagt hat, hört er eine Zeit lang zu, verabschiedet sich und drückt die Auflegetaste.”Also, Stella, verstehst du denn gar nicht, warum wir Leute unter 25 Jahren nicht nehmen und bei Ausnahmen etwas Zeit verstreichen lassen. Ach, ja, bevor ich es vergesse, du bist zu unserer Eröffnungsparty eingeladen. Sie findet heute ab sieben Uhr hier statt.”
Er sieht in meine Richtung und macht ein Gesicht als spräche er mit einem unnachsichtigen Kind.”Herr Krämer, ich verstehe, dass es regeln gibt. Ich verstehe auch, warum es möglicherweise sinnvoll ist, gerade diese Regel zu haben. Schließlich haben junge Leute oft noch nicht genug Lebenserfahrung.Aber eine solche Regel hat in den AGB oder im Vertrag zu stehen, nicht wahr? Und ich habe mir die Unterlagen gestern Abend noch einmal gründlich durchgelesen und diese Geschäftsbedingung an keiner Stelle gefunden. Ich habe die ausgefüllten Unterlagen selbstverständlich mitgebracht.”
“Stella,Kindchen, ich will dir nur helfen. Und ich schlage vor, dass wir uns duzen. Das ist bei uns so üblich. Es hilft eine konstruktive Nähe und ein sehr positives Betriebsklima herzustellen.”
“Was Sie tun, Herr Krämer, ist ganz allein Ihre Sache. Für mich sind Sie mein Vorgesetzter. Und darum bleibe ich beim Sie! Und bohl ich fast dreißig Jahre jünger bin als Sie verbitte ich mir die Bezeichnung Kindchen, weil ich durchaus kein Kind mehr bin.”
“Äh, das Kindchen ist mir nur so herausgerutscht!””Wie dem auch sei! Sie können mit mir reden, wie Sie wollen. Ich aber bleibe bei der förmlichen Anrede!”
“Also, Stella! Du darfst morgen anfangen. Aber die Arunja kommt gleich vorbei. Und du wirst über meinen Account in ihrem Beisein ein oder zwei Testgespräche führen. Damit wir ganz genau wissen, woran wir mit dir sind.” “Herr Krämer, das ist selbstverständlich überhaupt kein Problem.”
Als ich das gesagt habe, zeigt sich auf dem Gesicht meines irdischen Vorgesetzten ein verblüffter Ausdruck. Ich sollte mich wohl vor diesem Test, den sie wahrscheinlich schon gestern oder so, geplant haben, fürchten. Aber ich fürchte mich nicht, obwohl ich Arunja nicht kenne und auch nicht auf Engelamt oder im Internet nachgeschaut habe, wer sie ist. Mir schwant, dass das ganze Hin und Her dazu dient, mich sozusagen spirituell zu scannen und auf Linie der Seherline zu bringen. Na, wenn sie meinen!

© Paula Grimm, 2015

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