Aktueller Stand des Engelromans

Stella Engel: Der erste Schutzauftrag

01. Das Personalgespräch

Bereits in Menschengestalt warte ich geduldig vor Gabriels Arbeitszimmer. Noch bin ich überhaupt nicht aufgeregt, obwohl ich natürlich weiß, dass mir jetzt die offizielle Verabschiedung und die Erteilung meines ersten Auftrags bevorsteht. Als Mensch bin ich weiblich, rothaarig, habe grüne katzenartige Augen, einige wenige Sommersprossen, bin 1,80 m groß, bin schlank und bin ungefähr 20 Jahre alt. Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner menschlichen Gestalt sehr zufrieden. Und auf den heiligen Schein kann ich gut und gern verzichten. Was ich allerdings jetzt schon schmerzlich vermisse, sind meine Flügel. Das ist der einzige Makel, den es hat, wenn man als Schutzengel anfängt. Man bekommt alle Möglichkeiten, die zu einem Schutzengel gehören, aber man verliert zunächst die Flugerlaubnis und die Fähigkeit sich selbstständig zu beflügeln. 


Mit einem Mal geht die Tür von Gabriels Arbeitszimmer auf und gleich wieder zu. Das bedeutet, dass ich noch ein bisschen warten muss. Das stört mich nicht. Was mich aber stört, ist, dass ich plötzlich bemerke, dass mich jemand skeptisch anstarrt. Ich sehe mich um und sehe in das Gesicht eines anderen Engels in Menschengestalt. Sie ist blond und etwa in meinem Alter. Sie hat blaue Augen, ist 1,70 m groß, und sie trägt sehr exklusive Menschenkleidung. Ich erkenne sie nicht. Aber sie war bestimmt in meinem Kurs zur Vorbereitung für Schutzengel. In der Vorbereitungsphase auf unsere Umwandlung zu Menschen und für den Erdeinsatz waren wir 24 Engel. Aber wir haben einander nie in Menschengestalt gesehen, obwohl es in diesem Unterricht auch darum geht, ein menschliches Profil zu entwickeln. Damit wir unter den Menschen nicht auffallen, dürfen wir in unserer Vorbereitungszeit alles ausprobieren, was Menschen tun. Wir dürfen wirklich alles testen, aber wir sehen einander erst bei der offiziellen Verabschiedung in unserer Menschengestalt. Darum erkenne ich mein Gegenüber erst, als sie mich anspricht: Dass sie mich erkennt, liegt sicherlich daran, dass ich schon so verrückt aussehe, wie ich eben bin. Mit der Motorradkombi aus Leder, den selbstbestrickten Pullover, den man sieht, weil der Reißverschluss meiner Lederjacke offen ist und meiner leger vierschrötigen Figur ist es unmöglich neben so einer Person nicht aufzufallen. 
“Übrigens, Derila, du bist die Letzte!“ sagt sie mit einem schadenfrohen Ton in der Stimme. 
Sie haben mir den Spitznamen Derila, die Verrückte oder Spinnerin, verpasst, weil das menschliche Profil, das ich entwickelt habe, sehr widersprüchlich und chaotisch ist. Ich fahre Motorrad, habe den schwarzen Gürtel in Karate, mache aber auch Qi Gong und Schattenboxen, Stricke gut und leidenschaftlich gern, liebe Rockmusik und starke Frauenstimmen wie Giana Nanini und Tina Turner, skate, knüpfe und koche gern. Und ich mag scharfe Sachen aus aller Herren Länder. Dass ich gern lese und schreibe versteht sich wohl von selbst.“ Macht doch gar nichts, dass ich die Letzte bin. Es heißt ja, die Letzten werden die Ersten sein.“ 


Ich merke durchaus, dass sich mein Gegenüber über meine Gelassenheit ärgert. Aber sie geht nicht einfach weg, sondern sie redet weiter. 
“Ich bin wirklich gespannt, was sie dir aufbrummen.“ 
Das möchte ich auch gern wissen, aber ich habe immer noch keine Angst, dass mir ein Auftrag erteilt wird, der nicht zu mir passt.“ Du wirst nicht glauben, wie ich jetzt heiße, und was mein erster Auftrag ist.“ Mir fällt auf, dass sie furchtbar nörgelt.“ Ich heiße ab jetzt Dorothea Glück. Und ich komme als Kindermädchen in einen sehr wohlhabenden Haushalt mit drei Kindern. Die Mutter wird sterben und zumindest zwei von den Kindern sind sehr verwöhnt. – Gleich am Anfang mehrere Kinder!““ Sie schluckt. Um sie zu trösten, sage ich: 
“ Du hast Zeit alles in Ordnung zu bringen, weil die Frau nicht gleich sterben wird. Und im Grunde passt dieser Auftrag sehr gut zu dir und deinem exklusiven Geschmack.“ ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht will sie nicht getröstet werden und hat Lust zum Jammern. Jedenfalls wendet sie sich ab und murmelt: 
“ Man sieht sich bei der offiziellen Verabschiedung!“ 
Dann stolziert sie davon. 


Einen Augenblick später öffnet sich die Tür zu Gabriels Arbeitszimmer wieder, und ich darf eintreten. 
“Sei herzlich gegrüßt, Herr und Meister!“ sage ich, als ich eintrete und mache einen Knicks. “ Sei auch ganz herzlich gegrüßt, Stella Engel. Ich heiße Gabriel und nicht Herr und Meister!“ erwidert Gabriel mit seiner tiefen, freundlichen Stimme. 
“Sei herzlich gegrüßt, Gabriel!“ 
“Na, geht doch!“ 
Ich frage mich, ob ich jemals wirklich begreifen werde, dass eine gesunde Hierarchie keine Förmlichkeiten braucht. In dieser Hinsicht habe ich wohl einen richtigen Schaden genommen durch meinen ersten Vorgesetzten. Seinen Namen habe ich nie erfahren, Weiler von Anfang an auf der Anrede „Herr und Meister“ bestand. Bevor ich zum Schutzengel ausgebildet wurde, war ich ein Seelenbegleiter. Meine Aufgabe war es die Seelen Verstorbener auf dem Weg zu Gott zu begleiten. Das ist auch eine wichtige und schöne Aufgabe. Und ich habe sie getan seit es Menschen auf der Erde gibt. Eine Seele wird immer von zwei Engeln bei diesem Weg begleitet. s ist wichtig, dass jede Seele diesen Weg in die Ewigkeit geht, diesen Weg selbst zurücklegt aber dabei an jeder Seite von einem Engel geschützt wird. Es heißt nicht umsonst, dass die Seele zu Fuß geht. Und für die Ewigkeit, in die die Seele eingeht, ist zu Fuß gehen genau die geeignete Geschwindigkeit. Und weil es viele geschundene Seelen gibt, sind zwei Engel zum Trost und als Helfer dabei. Ich habe in meiner Zeit als Seelenführer sehr viele Seelen begleitet, denen es nicht vergönnt war, sich in Ruhe und Frieden von ihrem irdischen Sein verabschieden zu können. s war eine dankbare Aufgabe. Aber jedes Wesen braucht auch einmal eine andere Arbeit. Und mein Vorgesetzter war das, was man auf Erden wohl einen Stinkstiefel nennt. Er soll übrigens degradiert und versetzt worden sein. Und ich bin wirklich erleichtert, dass Gabriel Geduld mit mir hat.

Gabriel gibt mir ein Mäppchen. Es enthält zwei Dokumente. Das eine ist mein Personalausweis, ausgestellt auf Stella Engel, geboren am 05.01.1991 in Bochum. Und ich bin begeistert wie gut das Lichtbild getroffen ist. Meine Begeisterung steigt fast ins Unermessliche, als ich das zweite Dokument sehe. Es handelt sich um einen brandneuen Motorradführerschein. Er ist selbstverständlich auch auf Stella Engel ausgestellt und trägt als Ausstellungsdatum den 26. April 2012. Während ich meine neuen Papiere betrachte, beobachtet mich Gabriel wohlwollend aber ohne jede Spur von Herablassung. Das kenne ich bisher überhaupt nicht. Ich stecke das Mäppchen in die große Brusttasche der schwarzen Lederjacke, die ich trage.

“ Stella, einen so sprachbegabten Engel haben wir bislang noch nie im Schutzengelseminar gehabt. Du hast so schnell wie niemand zuvor alle Tier- und Menschensprachen gelernt.“ 
“Dafür hattet ihr aber auch noch niemanden im Schutzengelseminar, der ein derart chaotisches Profil entwickelt hat!“ 
Dass Gabriel meinen Gedanken folgen kann, weiß ich. Aber ich wundere mich, dass er überhaupt reagiert und in herzlichem Ton sagt: 
“Öfter was Neues. Und Vielfalt hat noch nie geschadet und macht Freude!“ 
Damit ich mich leicht daran gewöhne, hat Gabriel bisher nach Menschenart mit mir gesprochen. Damit ich aber an Leib und Geist erfahre, dass ich selbstverständlich immer noch ein Engel bin, zeigt er mir die Einzelheiten meines Schutzauftrags in der Art, wie wir Engel kommunizieren. Unsere Verständigung ist eine blitzschnelle Gedankenübertragung. Und auf diese Weise zeigt mir Gabriel im Bruchteil einer Sekunde, wen ich zu beschützen habe, und was sie erlebt hat. Es ist nicht wie in einem Film, in dem man nur hört und sieht, was geschieht.

Ich sehe und höre nicht nur, was Magdalena Zindler, die ich beschützen und deren Leben ich neu ordnen soll, erlebt hat. Ich fühle auch, wie sie den Unfall erlebt und überlebt hat, den sie vor 40 Jahren hatte, und der sie ihr Augenlicht gekostet hat. Ich schmecke die Medizin, die sie für ihren Magen bekommen hat, um ihn von den Nebenwirkungen der anderen Medikamente zu heilen. Ich nehme daran teil, wie sie Punktschrift lernt. Und ich spüre, wie sie den Kontakt zu ihren Mitmenschen, den Tieren und den Dingen ihrer Umgebung erlebt hat. Dass Schutzengel das Leben ihrer Schutzbefohlenen durchleben, ist im Sinne des Wortes sinnvoll. So bekommen wir wirklich alles mit, was die Menschen betrifft, um die wir uns kümmern. Da wir das Leid und Glück der Menschen miterleben können, haben wir auf eine Weise Anteil an ihrem Leben, wie es Mitmenschen nicht möglich ist. Unser Miterleben trägt so auch zur Linderung von Leid und zum Erwachen der seelischen Heilkräfte bei. Und in gewisser Weise stimmt, was Ihr Menschen sagt: „Die Zeit heilt Wunden!“ Denn wir nehmen Euer Erleben vollständig in Eurem Zeitformat wahr.

Gabriel zeigt mir natürlich auch einen Teil dessen, was in der nächsten Zeit geschehen wird. Aber davon berichte ich später, wenn es an der Menschenzeit dafür ist. Magdalena ist 45 Jahre alt, so groß wie ich, hat schwarzes Haar und blaue Augen. Sie arbeitet als Übersetzerin für deutsch, russisch, spanisch und englisch. Sie ist ledig und hat keine Kinder. Sie ist Russlanddeutsche und lebte in den ersten fünf Jahren bei ihrer Mutter, die bei dem Unfall, durch den sie erblindete, starb. Danach nahm ihre Tante Olesja sie bei sich auf. Sie lebt inzwischen zusammen mit ihrer Freundin Lea Hafenmeister in einem kleinen Haus, das sie von Olesja geerbt hat. 


Nachdem ich alles, was ich über Magdalena wissen muss, erfahren habe, zeigt mir Gabriel meine eigenen Lebensumstände auf Erden. Ich werde in einer Wohngemeinschaft mit einem anderen Engel in Menschengestalt leben. Sie heißt Raela Liebmann ist als Mensch fünf Jahre älter als ich und arbeitet als Krankenschwester. So weit so gut. Aber ich wundere mich doch sehr darüber, dass ich meine Brötchen als Mensch bei einem Esoterikportal verdienen soll. Nachdem mir Gabriel alles Wesentliche gezeigt hat, lässt er eine Pause entstehen, damit ich mich sammeln kann.
Dann fragt er mich: 
“Hast du noch Fragen, Stella?“ 
“
Ja, ich habe eine Frage, Herr und Meister!“

“Stella, ich heiße Gabriel!“ erwidert mein neuer Vorgesetzter freundlich. 
“Ja, ich habe eine Frage,Gabriel!“
„Na, geht doch!“ 
Der Erzengel sieht mich an und nickt mir zu. Und dabei leuchten seine Augen und sein Heiligenschein besonders freundlich.
„Warum soll ich ausgerechnet in einem dieser Esoterikportale arbeiten?“ 
“Dafür gibt es verschiedene Gründe. Durch diese Arbeit kommst du direkt in Magdalenas Umfeld. Denn dieser Bendix Krämer, der das Portal leitet, ist, wie du gesehen hast, ein Bekannter von Magdalena. Dazu kommt, dass entschieden wurde, diese Szene vom Himmel aus freundlich aber bestimmt ein wenig aufzumischen. Ich bin mir sicher, dass dir der eine oder andere Streich für diese Leute einfallen wird.“ 

Und dann sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe, und was man auch als Engel sicherlich äußerst selten zu Gesicht bekommt. Auf Gabriels Antlitz zeigt sich ein verschmitztes Lächeln. Obwohl der Schalk in diesem Lächeln deutlich aufleuchtet, sind in diesem Ausdruck keine Spuren von Bosheit oder Schadenfreude zu erkennen. Nur ein kleiner triumphierender Funke und eine Art verspielter Freude leuchtet in seinen Augen auf.Schließlich fragt Gabriel: „Möchtest du sonst noch etwas wissen, Stella?“ 
Ich schüttele den Kopf.“Dann ist es gut! Und denk‘ immer daran, dass du dich jeder Zeit und von überall mit deiner Gedankenkraft an mich wenden kannst.“ 
Ich nicke dem Führer der Cherubim und Seraphinen dankbar zu, und er sieht mich noch einmal mit sehr herzlichem Gesichtsausdruck an.

Nachdem ich Gabriels Arbeitszimmer verlassen habe, gehe ich zur großen Halle, in der wir verabschiedet und nacheinander zu unseren Erdeinsätzen entsendet werden. Und jetzt wird mir langsam doch mulmig ums Herz.

02. Die feierliche Entsendung
Nur wenige Minuten später komme ich in der einzigen Engelhalle des Himmels an. Wahrscheinlich wundert Ihr Menschen Euch darüber, dass wir Engel nur eine Halle benötigen. Aber diese Halle ist eine Allzweckhalle, die diesen Namen auch verdient.Sie wird je nach Bedarf in Größe und Ausstattung verändert. Die fünfzig Engel im Innendienst, die für Gestaltungsarbeiten zuständig sind, können unsere Halle mit wenigen gekonnten Handgriffen von der großen Flughalle in eine Sporthalle, wie sie auf der Erde üblich ist, umbauen. In dieser Halle habe ich auch Motorradfahren geübt. Zu diesem Zweck war sie zur Stadt umgebaut. Und die anderen haben in ihr Autofahren gelernt. 

Als ich in die Halle komme, ist sie als mittelgroßer Festsaal gestaltet. Es gibt eine Empore und eine Bühne. Im Zuschauerraum sind schon viele Engel versammelt. in der ersten Reihe sitzen elf Engel in Menschengestalt, darunter auch Dorothea Glück. Auch ich setze mich in die erste Reihe. Als ich meinen Platz eingenommen habe, sehe ich mich sorgfältig um. Ich ahne, dass nur wir zwölf heute verabschiedet werden. Und ich werde noch unruhiger als bisher, weil ich mich frage, wo die andere Hälfte von uns geblieben ist. Ich stelle fest, dass wir alle zwölf eine weibliche Menschengestalt bekommen haben.“
Weiß jemand, was mit den anderen aus unserem Seminar geworden ist?“ fragt Dorothea. 
“Ja, ich weiß es!“ erklärt ein Engel, der ähnlich exklusiv wie Dorothea gekleidet ist. Sie ist auch blond aber kleiner als Dorothea.“Die Herren der Schöpfung sind gestern schon verabschiedet worden. Sie wurden alle nacheinander nach Ostfriesland oder Bayern entsendet.“ 
Nachdem sie das gesagt hat, merkt die niedliche Kleine, dass ich auch da bin. 
“Wie heißt du jetzt, Derila?“ 
“Stella Engel! – Und du?“ 
“Ich heiße Raphaela Gottlob! – Findest du nicht, dass für dich Stella, der Stern, ein sehr hochtrabender Name ist?“ 
Ich schüttele nicht einmal den Kopf. Und ich antworte natürlich auch nicht. 
Kaum haben sie ihre Menschengestalt scheinen sie ihre Engelhaltung fast vollkommen verloren zu haben und werden schwatzhafter denn je. Die Aufgeregtheit ihres Geschwätzes greift auf mich über. Aber ich bleibe äußerlich ganz ruhig. Ich höre, wie sie reden. Aber ich höre nicht dabei zu, was sie sagen.

Plötzlich knufft mich Dorothea in die Seite: 
“Sag‘ mal, Derila, äh, Stella, bist du nicht wenigstens auch ein bisschen aufgeregt, oder hast du was von diesem Menschenzeug genommen?“ 
“Ja, ich bin auch aufgeregt. Und nein, ich habe keine Beruhigungsmittel eingeworfen!“

Dann geht die Tür neben der Bühne auf. Ein Trompetensignal kündigt das Kommen der Musiker und Sänger an. Der Engel mit der Trompete ist der Dirigent. Er schwebt vor den Harfenisten und Sängern in den Saal. Die Sänger und Harfenspieler nehmen auf der Empore Aufstellung. Mir fällt auf, dass es auch im Musikkorps einen Führungswechsel gegeben hat. Der Dirigent ist ein freundlicher, großer Engel, der leicht und beschwingt seine Musiker und Sänger anführt. Dieser Engel ist so freundlich und so beschwingt, dass selbst ich fast glauben kann, wie Musik eine schöne, dankbare und einfache Engelaufgabe sein kann. Und diesem angenehmen Anblick zum Trotz steigen in mir augenblicklich unangenehme Erinnerungen auf. Wenn ich eine oder mehrere Harfen sehe, wird mir immer mulmig. Die vielen Saiten der Instrumente sind mir alles andere als geheuer. Ich bin eben doch ein Grobmotoriker vor dem Herrn. Und ich bin froh, dass Gott sei Dank noch niemand auf die Idee gekommen ist, mir eine Harfe in die Hände zu geben. Allerdings wurde ich irgendwann von meinem ehemaligen Vorgesetzten, der hoffte, mich loswerden zu können, zu einer Gesangsprobe geschickt. 
“Jeder Engel muss einmal das Singen ausprobieren.“ 
Also ging ich zu einem öffentlichen Vorsingen, bei dem ungefähr 25 Engel Testgesänge anstimmen sollten. Ich war die Erste, auf die der Dirigent zeigte. Also ging ich auf die Bühne und sang. Zunächst kam es mir so vor, als sei der Dirigent viel freundlicher als mein Vorgesetzter. Er ließ mich lange vorsingen und schien geduldig zuzuhören. Nach meinem Vortrag hüllte er den Saal auf einen Schlag in vollkommene Dunkelheit. Dann richtete er plötzlich ein gleißendes, gelbes Licht auf mich. Dieses Licht strahlte reine Verachtung aus. Und alle Anwesenden konnten mich überdeutlich sehen.“Das ist das absolut abschreckendste Beispiel für Engelgesang, dass ich je ertragen musste. Textsicherheit und die Beherrschung der Melodie macht noch keinen Engelgesang. Das ist nur ein abscheuliches, melodiöses Grollen. Da wird auch nicht mehr draus! Aber, wenn man ein Donnerrollen erzeugen will, muss man keinen Engelchor engagieren. Engelgesang hat gefälligst immer und überall lieblich zu klingen. – Also augenblicklich abtreten!“ 
Während ich geduckt davon schwebte, schickte mir der Dirigent eine ganze Zeit lang hönisches Licht in einem anderen Gelbton hinterher. Niemand, der dabei war, wird diese effektvolle Demütigung jemals vergessen, da bin ich sicher.

Nachdem die Sänger und Harfenisten auf der Empore Aufstellung genommen haben, beginnen sie sofort zu singen und zu spielen. Und ich gebe gern zu, dass mir diese Musik sehr gut gefällt, obwohl ich während des Vorbereitungsseminars meine Liebe zur menschlichen Rockmusik entdeckt habe. Ich freue mich von Herzen an den himmlischen Klängen. Und sie geben mir meine innere Gelassenheit wieder. Noch während die Musikk spielt, öffnet sich die Saaltür neben der aufgestellten Bühne abermals, und die zwölf Erzengel kommen herein. Sie schweben auf die Bühne. Und die Erzengel stimmen in den Gesang des Chores ein. Nachdem das Lied verklungen ist, lässt der Erzengel Michael eine kurze Pause zu. Dann tritt er feierlich vor und beginnt zu sprechen. Auch seine Stimme klingt sehr freundlich. Sie ist nicht ganz so tief wie die Stimme von Gabriel, und sie klingt noch etwas klarer.“Sehr geehrte Kollegen, ich heiße Euch im Namen aller zwölf Erzengel herzlich willkommen! Wir sind heute zusammengekommen, um die zweite Schutzengelstaffel des Jahres 2012 zu verabschieden, bevor wir sie auf die Erde entsenden.“ 
Als er das gesagt hat, fällt mir wieder einmal angenehm auf, das Worte wie entsenden, wenn sie von einem der Erzengel ausgesprochen werden, niemals überheblich, schwülstig, altbacken oder geziert klingen. Das ist oft ganz anders, wenn dominante Bosse wie mein früherer Vorgesetzter oder moderne Menschen, die sich für wichtig halten, solche Dinge sagen. Ein Grund dafür ist wohl, dass Erzengel, obwohl sie wie alle anderen Engel übernatürliche Wesen sind, die aber natürliche Autorität, Güte und Freundlichkeit ausstrahlen. Man kann ein Schutzengel werden und viele Fähigkeiten entwickeln. Man kann auch ein Wächter- oder Innendienstengel werden und viele Kompetenzen erwerben. Aber Erzengel kann man nicht werden. Erzengel ist man. Erzengel Michael drückt in seiner Rede die Freude und den Stolz Gottes und der Erzengel darüber aus, dass auch in diesem Jahr 24 hervorragende Schutzengel an dem Vorbereitungsseminar erfolgreich teilgenommen. haben Und lobend erwähnt er, dass jeder der Engel, die am Seminar teilgenommen haben, sich zu einer außergewöhnlichen Schutzengelpersönlichkeit in Menschengestalt entwickelt hat. Kaum hat er das gesagt, sehen meine elf Gefährtinnen mich mit unterdrücktem Argwohn an. Und mir reicht es allmählich. Ich bin doch nur so, wie ich bin. Ich habe nichts Unrechtes getan. Und womit sollte ausgerechnet ich mir das Wohlwollen Gottes oder der Erzengel erschlichen haben? Danach erfahren wir, dass die erste Staffel der neuen Schutzengel bereits erfolgreich entsendet wurden und in Ostfriesland sind. Als meine Gefährtinnen das hören, beginnen sie aufgeregt zu tuscheln.“Und wir kommen auch alle in eine Region. Man sieht sich also!“ sagt Dorothea zu mir. 
Ich frage mich, warum sie ausgerechnet mich wieder sehen will. Wahrscheinlich wartet sie nur darauf zu erfahren, dass und wie ich versage.“Und nun wird jeder neue Schutzengel von einem Erzengel zu sich gerufen. Und wenn alle zwölf auf der Bühne sind, werdet ihr nacheinander entsendet.“ 
Dorothea knufft mich in die Seite: 
“Und du bist bestimmt wieder die Letzte!“ 
Ich reagiere nicht.

Nach einer kurzen Pause ruft Michael Dorothea zu sich. Danach werden auch alle anderen von einem Erzengel aufgerufen. Immer, wenn einer der neuen Schutzengel auf die Bühne schreitet, spielen und singen die Musiker ein Kurie. Damit erbitten die Engel für die Schutzengel und für die, die sie zukünftig beschützen werden, Gottes Erbarmen. Als Letzte werde ich von Gabriel auf die Bühne gerufen. Als schließlich alle Erzengel und die neuen Schutzengel auf der Bühne versammelt sind, beginnen die Harfenisten eine Melodie zu spielen, zu der es keinen Text für den Engelchor gibt. Die Tür, durch die die Musiker und die Erzengel in den Saal gekommen sind, färbt sich golden. Erzengel Michael sagt noch einmal Dorotheas Namen. Sie schließt die Augen und Michael begleitet sie als ihr Führer zur Tür. An der Tür angekommen, zeichnet Michael sein Siegel auf Dorotheas Stirn, berührt sie noch einmal und dann geht die Tür von selbst auf, und sie tritt immer noch mit geschlossenen Augen, wie man es uns gesagt hat, durch die Tür, die sich hinter ihr wieder von selbst schließt. Was sie uns nicht gesagt haben, ist, dass während der gesamten Zeremonie die zauberhafte Melodie, die wohl eigens zu diesem Anlass komponiert wurde, ertönt. Danach werden nacheinander alle meine Gefährtinnen von ihrem Engelführer verabschiedet. Und auch dieses Mal bin ich wieder die Letzte, was mich wie immer keineswegs stört.

„Stella Engel!“ sagt Gabriel schließlich zu mir. Und es kommt mir so vor, als ob seine Stimme noch freundlicher und tiefer klingt als sonst. Ich schließe meine Augen. und es wird vollkommen dunkel um mich her und in mir. Aber, obwohl ich das noch nie erlebt habe, beunruhigt es mich nicht. ich lasse mich von Gabriel zu der goldenen Tür führen. Und es ist so, als ob mich auch der wunderbare Klang der Harfen führt und trägt. Mir fließt eine neue Kraft durch Gabriels Hand und die Klänge zu. An der Tür angelangt, bleiben wir, mein Engelführer Gabriel und ich einen Augenblick stehen. Dann zeichnet mir Gabriel sein Siegel, das mir Schutz und Kraft geben wird, auf die Stirn.“Gottes Segen für dich und alle, die du beschützen wirst!“ sagt Gabriel leise und berührt mich an der Brust, da wo mein Menschenherz schlägt, und ich gehe mit geschlossenen Augen geradewegs durch die Tür.

03. Wenn Engel reisen

Wenn Engel reisen, gibt es zwei Möglichkeiten. Sie Reisen selbstständig mit der Kraft ihrer Flügel. Oder sie werden entsendet. Bei der Vorbereitung auf unseren Erdeinsatz hat man uns nicht gesagt oder gezeigt, wie es ist in Menschengestalt die Reise zur Erde zu machen. Man hat uns nur gesagt, dass wir drei Schritte durch die goldene Tür machen müssen, und dass wir uns danach um nichts mehr kümmern brauchen. Die drei Schritte durch die goldene Tür, die sich von Gottes Hand geöffnet und geschlossen hat, habe ich getan. Und dann stehe ich ganz einfach da und werde bewegt. 
Ich nehme an, dass sich die meisten Menschen diese, meine Reise zur Erde, wie einen Sinkflug vorstellen, weil der Himmel von der Erde aus oben ist. Aber so ist es nicht. Denn vom Himmel aus bestehen nicht nur bezogen auf die Zeit vollkommen andere Verhältnisse als auf Erden. Denn Gott und der Himmel und alles, was dazu gehört, ist ewig. So wie die Zeit nach himmlischem Maß ewig ist, ist der Raum nach himmlischem Maß unendlich. Also falle ich nicht vom Himmel herab. Und das gilt, obwohl es für einem Menschen, der meine Ankunft sehen würde, wohl so aussehen müsste. Ich stehe einfach aufrecht da, auf einem warmen, weichen Wasser, in das ich aber nicht einsinke. Es ist wie ein Meer, auf dem ich durch Wellengang auf und ab und vorwärts getragen werde. Doch mein Körper wird nicht einfach geradeaus geführt, sondern ich werde in Schlangenlinien getragen. Meine Fortbewegung ist aber nicht nur mehrdimensional. Ich weiß, dass ich mit sehr großer Geschwindigkeit zu meinem neuen Bestimmungsort gebracht werde. Doch die Fahrt, wenn man es so nennen will, fühlt sich geradezu gemächlich an. Im Großen und Ganzen gefällt mir dieser Transport. Diese Art zu reisen ist für mich fast ein ungetrübtes Vergnügen, wenn ich schon nicht selbst fliegen oder Motorrad fahren kann, ist so eine Fahrt auf etwas wasserähnlichem mit angenehmer Temperatur schon in Ordnung. Aber für meinen Geschmack dürfte sich die Fortbewegungsart ruhig um Einiges schneller anfühlen. Natürlich ist mir klar, dass diese Art des Reisens von A bis Z auf Engel wie Dorothea Glück abgestimmt ist. Und die möchten bequem und gemütlich reisen. Dennoch frage ich mich wirklich, wozu gestandene Engel, ob frisch gebackene Schutzengel oder nicht, so einen Schongang brauchen. 
Kaum habe ich das gedacht, da schaltet mein Chef für mich den Turbo ein. Und nur, um einen einigermaßen angemessenen Vergleich zu ziehen, das sind gefühlte 160 Kilometer pro Stunde auf dem Motorrad.“Vielen herzlichen Dank, mein Herr und Meister!“ 
“Stella,ich heiße Gabriel!“ 
“Vielen herzlichen Dank, Gabriel!“ 
“Na, geht doch! – Aber da nicht für!“ 
So macht die Anreise zur Erde erst richtig Spaß! 
Während des gesamten Transports halte ich die Augen geschlossen. Und dennoch sehe ich verschiedene Sterne, roten, goldenen und silbernen Glanz. Und bevor ich meinen Bestimmungsort erreiche, umrunde ich die Erde vollständig. Und dann fühle ich plötzlich Erde unter meinen Füßen, ohne einen Aufprall zu spüren. Ich weiß, dass ich angekommen bin. Noch einen Augenblick halte ich die Augen geschlossen, um mich zu sammeln.

04. Die erste Berührung

Ich öffne die Augen. Es ist bereits fast dunkel. Es muss also ungefähr zehn Uhr abends sein, denn wir haben den 21. Mai. Ich stehe auf einer Wiese in einem Park. Und ich weiß, was ich zu tun habe. Schließlich hat mir Gabriel den Anfang meiner Mission gezeigt. 
Ich gehe mit zügigen Schritten von der Wiese auf den Weg, der zu einem der Ausgänge des Parks führt. Ich habe den Park noch nicht verlassen, als ich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf der Straße höre. Dann folgt ein Aufprall. Und das Auto braust davon. Ich beginne zu rennen. Am Ausgang des Parks wende ich mich nach rechts und laufe an der Bushaltestelle vorbei. Ich weiß, wo Magdalena liegt. Während ich laufe, schaffe ich es tatsächlich meine Gedanken auf die Schritte und auf das zu lenken, was ich zu tun habe. Und als ich die Stelle erreiche, an der Magdalena liegt, bin ich innerlich vollkommen ruhig. Magdalena liegt bewusstlos da. Damit ich sie schützen kann, damit wir sofort miteinander verbunden sind, muss meine Menschenhand wieder zu einer Engelhand werden. Nur eine Engelhand kann einen schwer Verletzten so sanft und doch so stark berühren, dass er ein Siegel bekommt, das der Tot nicht antasten kann, und das doch so sanft ist, dass die Heilung beginnen kann. Und dieser Schutz ist so, dass die meisten Menschen ihn nicht bemerken. Denn man kann das Siegel nicht sehen oder fühlen. Obwohl man diese Fähigkeit auch als Schutzengel in Menschengestalt selten braucht, habe ich sorgfältig geübt, was ich tun muss, um meine Hand zur Engelhand zu verwandeln. In dieser Hinsicht bin ich wie als Mensch auch ein Linkshänder. Ich richte, mein drittes Auge konzentriert auf meinen linken Handrücken und bin erleichtert, dass meine Hand zu leuchten beginnt. Sie erfüllt sich mit einer besonderen Wärme, Kraft und mit einem rotgoldenen Glanz. Ich beuge mich sanft zu Magdalena herunter und berühre sie mit der Hand, die von Herzen kommt, am Kopf, der schwer verletzt ist und am Herzen. Danach richte ich mich wieder auf und mache das Kreuzzeichen über ihr. Und in der ganzen Zeit halte ich den Blick meines dritten Auges auf meine Hand gerichtet. Danach wende ich meinen Blick von meiner Hand ab. Das Leuchten und die Wärme hören sofort auf. 
Ich greife in die Tasche meiner Lederjacke. In der Tasche, in der sich mein Personalausweis befindet, steckt auch ein flaches Handy. Wir haben im Schutzengelseminar Gott sei Dank gelernt mit den technischen Dingen sicher umzugehen. Ich nehme das Handy und wähle die Nummer des Notrufs.Ich melde den Unfall. Und es fällt mir überhaupt nicht schwer, dass ich dabei meinen neuen Namen sagen muss. Und wo wir sind, weiß ich, weil ich das Schild an der Bushaltestelle gesehen habe. Wir sind in der Nähe der Bushaltestelle Venuspark. 
Als ich das Handy wieder eingesteckt habe, ist es um mich her wieder sehr still. Und jetzt habe ich nichts zu tun als zu warten. Und prompt fechten mich Gedanken des Zweifels an. Habe ich wirklich alles richtig gemacht? Genügt, was ich getan habe? War es wirklich nur mein Auftrag Magdalena zu retten? Oder hätte ich den Unfall verhindern müssen? Und dann ist die alte Frage auch wieder da, warum Menschen einander absichtlich und fahrlässig so viel Leid zufügen. Und als mir diese Frage durch den Kopf geht, die ich mir in meiner Zeit als Seelenführer schon so oft gestellt habe, beginne ich mit mir selbst zu schimpfen.“Stella Engel, du bist ein blutiger Anfänger! Du müsstest doch wirklich langsam begriffen haben, was es mit dem freien Willen der Menschen auf sich hat, und wie Schaden wieder gut gemacht wird.“ 
Dann höre ich die Martinshörner. Polizei und Notarztwagen kommen gleichzeitig am Unfallort an. Die Sanitäter kümmern sich um Magdalena. Jetzt wird sich gleich zeigen, ob es mir gelungen ist, das Band zwischen Magdalena und mir richtig zu knüpfen. Und als die beiden Männer die Bahre, auf der Magdalena liegt, in den Krankenwagen geschoben haben und los fahren, kann ich dem Geschehen in dem Auto folgen ohne bewusst hinsehen oder hinhören zu müssen. Und ich bin unendlich erleichtert. Und obwohl meine Gedanken und Gefühle Magdalena mühelos begleiten können, kann ich die Fragen der Polizisten beantworten. Als hätte ich nie etwas anderes getan, zücke ich meinen Personalausweis, als mich die junge Polizistin nach meinem Namen fragt. Und auch diesmal kommt mir mein Name ganz leicht über die Lippen. Ich erzähle den beiden Beamten, dass ich einen Spaziergang im Park gemacht habe, als plötzlich das heranfahrende Auto und der Aufprall zu hören waren. Um meine Aussage zu Protokoll zu geben, fahre ich mit den Polizisten zum Revier. Als wir an der Polizeistation ankommen, sieht mein drittes Auge,dass Magdalena bereits in den Operationssaal gebracht wird. 
Es dauert nicht lange das Protokoll anzufertigen. Die beiden Beamten, die mich zum Präsidium gebracht haben, bieten mir freundlicherweise an, mich nach Hause zu bringen und ich nehme dankend an. Und so stehe ich um viertel nach elf vor meinem Zuhause im Brunnenweg 12. Ich muss klingeln, denn einen Schlüssel habe ich zu dem Haus, das meiner Mitbewohnerin gehört, noch nicht. Ich klingele, und während ich darauf warte, dass mir Raela öffnet,höre ich eine mir wohlvertraute Stimme. 
“Stella, das war eine gute Arbeit!“ 
“Herzlichen Dank, Herr und Meister!“ “ „Stella, ich heiße Gabriel!“ „Herzlichen Dank, Gabriel!“ „
Na, geht doch!“© Paula Grimm, 2015
05. Bei Raela zuhause

Mit Menschenaugen betrachtet machen der Brunnenweg und das ganze Viertel nicht viel her. Nachts sind eben alle Katzen grau, und die Häuser einer ehemaligen Werkssiedlung sehen gleich aus. Immerhin kann man erkennen, dass alle Häuser über einen kleinen Vorgarten verfügen, ein Spitzdach haben und aus Klinkern gebaut sind. Während ich darauf warte, dass Raela mir öffnet, sehe ich mich um und stelle fest, dass an mein neues Zuhause irgendwann eine geräumige Garage angebaut worden ist.

Und dann geht die Tür auf. Und ich sehe Raela. Sie ist klein und zierlich. Und ich bin sicherlich nicht die Einzige, die bei ihrem Anblick an ein Eichhörnchen denkt. Nicht nur, dass sie mir mit einem lebhaften Satz entgegen springt und mir um den Hals fällt. Sie hat lustige Knopfaugen und schwarzes Haar, das im Licht der Flurbeleuchtung rötlich glänzt.
„“’nabend Stella! Ich freue mich, dass Du endlich da bist! Komm‘ doch einfach erst mal ‚rein!“
Für eine Frau ihrer Größe ist die Stimme recht tief. Sie klingt warm und ein bisschen rau. Ich hoffe für sie, dass sie nie hat für den Engelchor vorsingen müssen.

Raela zeigt mir zunächst das Haus. Im Erdgeschoss sind die große Wohnküche, das Wohnzimmer, ein Arbeits- und Gästezimmer und eine Gästetoilette. Im ersten Stock gibt es zwei geräumige Schlafzimmer und ein großes Bad mit Dusche und Badewanne. Und es ist so geräumig, dass auch noch Platz für die Waschmaschine vorhanden ist. Darüber hinaus gibt es auch noch ein gemütliches Handarbeitszimmer. Im Winter kann die Wäsche im ausgebauten Speicher getrocknet werden. Mir gefällt vor allem, dass das große Fenster meines Zimmers auf den garten sieht. Alles ist ordentlich und sauber. Und Raela hat einen guten Geschmack, was die Einrichtung betrifft. Solide aber keineswegs protzige Möbel stehen in allen Zimmern. Es gibt in den Zimmern, die wir gemeinsam benutzen, liebevoll gepflegte Topfpflanzen und wenig Dekoration. Devotionalien gibt es überhaupt keine. Wir Engel brauchen keinen religiösen Schmuck.

Nachdem ich alles, auch den Keller, gesehen habe, gehen wir in die Küche und setzen uns auf die Eckbank.
„Magst Du vielleicht einen Tee trinken?“
„Wenn Du einen Pfefferminztee hast,gern!“
Ich sehe mir das Regal mit den Teedosen an. Große Büchsen, die sorgfältig beschriftet sind, stehen dicht gedrängt auf drei Regalbrettern. Und ich entdecke sowohl Nanaminze als auch Marokkominze. Ich zeige auf die Dose mit der Marokkominze und Raela nickt begeistert.

Sie setzt Wasser für eine sehr große Teekanne auf. Dann geht sie zum Küchenfenster und nimmt einen Stapel Papiere von der Fensterbank und reicht sie mir.
„Das eine ist der Mietvertrag und dann ist da auch noch Post von Seherline gekommen!“
Als sie den Mietvertrag erwähnt, bekommt ihr Gesicht einen beschämten Ausdruck.

„So’n Menschenwerk muss eben sein! Und meine Nachbarin, die Anwältin für solche Sachen ist, hat gesagt, dass ich eine Miete von 300 € für alles nehmen soll!“

„Man muss diese Unterlagen ja öfter auch mal vorlegen. Und die Finanzverwaltung wird sich vielleicht auch dafür interessieren, weil ich ja zuhause arbeite!“
Raela nickt. Aber ihrem Gesicht ist anzusehen, dass sie nichts oder weniger nehmen will, Mietspiegel hin oder her.

Ich unterschreibe beide Verträge und nehme mir dann den großen Umschlag mit denAnschreiben, dem Vertrag, den AGB und der Werbung der Seherline vor. Der Wasserkessel pfeift und Raela gießt den Tee auf.
„Da hat auch mehrfach ein Typ angerufen, der Dich für morgen in den Marktweg 5 bestellt hat. Du sollst um Punkt halb zehn da sein!“
„Die wollen mich bestimmt life testen, obwohl das bei diesen Lines nicht üblich ist. Aber, was soll’s!“
Ich beschließe gleich den Vertrag und die AGB zu lesen und zu unterschreiben. Dann ist alles erledigt.

Wir trinken gemütlich Marokkominztee. Diese hervorragende Sorte kann gleichzeitig wärmen und erfrischen. Und das macht auch der Geschmack.
„Wie lange bist Du schon im Erdeinsatz?“
„Seit 1628! Aber ich sage es Dir lieber gleich. Es hat auch eine Unterbrechung gegeben. Ich habe immer als Hebamme oder Krankenschwester gearbeitet. Von 1628 bis 1973. Dann hat mein Herr und Meister, äh, Gabriel, mir eine Pause verschafft. Ich war in beiden Weltkriegen und in verschiedenen Ghettos und Lagern und dann auch noch in Korea und in Vietnam. Und dann war ich auf, wie man so sagt!“
„Jeder braucht mal eine Pause ob Engel oder anderes Wesen. Was soll daran verwerflich sein?“
„Du weißt doch, wie das ist, wie sie sich die Mäuler zerreißen!“
Und ob ich das weiß. Unwillkürlich muss ich an Dorothea Glück und die anderen zehn „Frischlinge“ denken und daran, dass davon die Rede war, dass wir uns wiedersehen werden.
Die Erzengel sind zu aufmerksam und zu streng, dass es Mobbing unter Schutzengeln gibt, aber fiese allzu menschliche Attacken gegen Engel, die vermeintlich Schwächen zeigen, sind bedauerlicherweise keine Seltenheit.
„Ich bin ja auch zuständig für die Treffen der neuen Schutzengel der Region. Sie finden jeden Monat statt, offizielle Anweisung von ganz oben. Und Du weißt ja, wie manche auf so was reagieren!“
„Mich jedenfalls freut es ungemein, dass man Dich von oberster Stelle zur Führerin für unsere Gruppe gemacht hat. Und wo finden die Treffen statt?“
„Na, hier bei uns zuhause!“
„Auch das finde ich eine tolle Idee! Und ich denke, dass Dich diese Wahl ehrt, dass die von ganz oben gemerkt haben, was das hier für ein gemütlicher und zauberhafter Ort ist!“
Ich lächele Raela an. Und sie erwidert mein Lächeln.

Es entsteht eine kleine Pause. Dann sagt Raela:
„Ich merke, wie gut wir uns verstehen. Und wir hatten es wohl beide nicht einfach mit den Kollegen! Ich habe diese und nächste Woche frei. Dann kann ich mich endlich auch wieder mal um den Garten kümmern. Schade ist, dass wir keinen Hund haben. Früher haben meine Eltern und ich immer einen Hund gehabt. Hier passt auch wieder ein Hund ‚rein. So ein Hund ist ein guter Ausgleich für die Sachen, die Engel als Mensch so machen muss, findest Du nicht auch?“
Ich nicke ihr begeistert zu.

Von Gartenpflege verstehe ich zwar nichts. Aber ich liebe Tiere und Pflanzen. Und Hunde mag auch ich besonders gern. Wir sehen einander an. Und wir wissen augenblicklich, dass wir uns nicht nur einig sind, was die Hundefrage betrifft. Wir wissen auch, dass wir bald auf den Hund kommen werden, ohne dass wir uns darum bemühen müssen.
„Das Glück einen Hund zu haben, der unsere Hilfe braucht, wird uns bald zufliegen!“ sagt Raela mit einem ganz warmen Lächeln im Gesicht.
„Das fühle ich auch. Apropos fliegen! Wann hast Du eigentlich Deine Flügel wieder bekommen?“
„am heiligen Abend 1751!“
Die Enttäuschung und das Entsetzen über so eine lange Zeit steht mir wohl überdeutlich im Gesicht geschrieben. Auf Raelas Gesicht zeigt sich ein verschmitztes Lächeln, als sie sagt:
„Dass es soooooo lange gedauert hat, lag bestimmt daran, dass ich mich nicht um die Flügel gekümmert habe. Mir war das nicht so wichtig. Allerdings bin ich jetzt natürlich froh, mich bei Bedarf ganz unauffällig beflügeln zu können. Als ich hier als Menschenkind gelebt habe, war es gut, von dieser Fähigkeit Gebrauch machen zu können und so zu spüren, dass ich wirklich noch ein Engel bin!“

Es ist eine besondere Ehre für Schutzengel mit einer Kinderidentität auf der Erde leben zu dürfen. Es ist aber auch eine besonders große Herausforderung. Es ist ein schwieriger Spagat ein hilfloses Baby oder Kleinkind zu sein, alle Phasen der menschlichen Entwicklung durchlaufen zu müssen und mit Engelfähigkeiten ausgestattet zu sein und von ihnen bei Bedarf Gebrauch zu machen. Denn die Menschen sollen meist ja nicht merken, dass sie es mit einem Schutzengel zu tun haben.

Wir reden noch ein Bisschen über Handarbeiten und andere Dinge, die wir mögen. Und dann ist die Teekanne leer, und wir beschließen zu Bett zu gehen. Engel brauchen eigentlich keinen Schlaf, um zur Ruhe zu kommen, um Kraft für ihre Aufgaben zu schöpfen. Aber wir müssen physisch wie Menschen sein, damit wir nicht auffallen.

Doch bevor ich mich umziehe und hinlege, setze ich mich noch an den Sekretär, der in meinem Zimmer steht und bearbeite die Dokumente für die Seherline. Ich unterschreibe den Vertrag und die Geschäftsbedingungen mit links. Was mir schwer fällt ist die Eintragung meiner Preisvorstellung. Ich werde 15 Cent pro Minute nehmen, damit ich 09,00 € in der Stunde verdiene, und damit meine Kunden einen Minutenpreis erhalten, der unter einem Euro liegt. Natürlich kann ich rechnen. Und ich habe den Umgang mit Geld im Schutzengelseminar gelernt. Doch ich fühle mich unbehaglich, wenn es um Finanzen geht, und wenn ich Geld für das nehmen muss, was ich kann.

Als ich endlich in dem schönen, alten Bett liege, das in meinem Zimmer steht,gebe ich Magdalena, die inzwischen auf der Intensivstation liegt, noch eine weitere Berührung.
„Das hast Du gut gemacht!“ sagt Gabriel zu mir.
„Ich danke Dir Herr und Meister für dieses Zuhause und die Gesellschaft von Raela!“
Gabriel lächelt und weist mich diesmal nicht auf seinen Namen hin. Diesmal habe ich ihn ja auch aus Bewunderung und nicht aus Vergesslichkeit so angesprochen.
„Sie wollen mich morgen testen, die von der Esoterikline. Soll ich darauf bestehen, so bald als möglich freigeschaltet zu werden?“
„Sie haben es eilig! Also kannst Du auf einer schnellen Freischaltung bestehen. Technisch ist eine Freischaltung in 24 Stunden kein Problem!“
„Dankeschön, Gabriel!“
„Na, geht doch!“
06. Das ganz andere Personalgespräch

Obwohl ich meinem Wesen nach der Ewigkeit angehöre, fange ich gar nicht erst damit an, die begrenzte Zeit der Menschen auf Erden zu verschwenden. Und so stehe ich um fünf vor halb zehn vor dem Haus im Marktweg. Ich frage mich, ob es wohl unhöflich ist, jetzt schon zu klingeln. Oder soll ich noch einmal die kleine Straße auf und ab gehen, bis es von der Kirchturmuhr halb Zehn schlägt? Mir bleibt auf jeden Fall die Zeit mich genau umzusehen. Dass ich mich hier in der Werkssiedlung befinde, zu der auch das Haus gehört, in dem Raela und ich wohnen, ist offensichtlich. Auch dieses Häuschen hat einen Vorgarten. Es ist aus roten Klinkern gebaut, hat zwei Etagen und einen spitzen Giebel. Es ist auch genauso groß wie unser Zuhause. Allerdings haben die Bewohner dieses Hauses keine Garage angebaut. Und es gibt im Erdgeschoss keine grünen Fensterläden sondern hell gestrichene Rollläden wie in der ersten Etage. Ich mag diese Art von Häusern. Und dieses Haus hat auf mich die selbe anheimelnde Ausstrahlung wie unser Zuhause im Brunnenweg. Als ich mich umgesehen habe, entschließe ich mich dazu zu klingeln. Ich drücke auf den Knopf und im Haus erklingen zwei Glockentöne.

Plötzlich höre ich auf dem Weg hinter mir große Schritte und das leise Klicken von Tierpfoten.”Guten morgen!” sage ich und drehe mich um.
Ein blinder Mann und ein schokoladenbrauner Hund im Führhundgeschirr kommen auf mich zu. Der Mann ist Anfang fünfzig, ungefähr 1.85 m groß, hat schwarzes Haar mit einigen silbernen Strähnen dazwischen,, einen Bart, der ebenfalls leicht meliert ist. Er ist korpulent. Man sieht ihm aber an, dass er überhaupt nicht Träge ist. Er wirkt gleichermaßen weich und stark. Und als er meinen Gruß erwidert, darf ich erfreut feststellen, dass auch seine Stimme stark, sanft und lebhaft klingt. Sie ist tief und ein bisschen Rau.”Guten morgen! Sie sind sicher die Dame, die Bendix, ähm, Herr Krämer zum Vorstellungsgespräch eingeladen hat!”
“Ja, ich bin Stella Engel und möchte zu Herrn Krämer!”
“Da werden Sie noch eine Viertelstunde oder so warten müssen. Dem Herrn ist wieder mal in letzter Minute eingefallen, dass er ganz dringend mit einer seiner anderen Beraterinnen, Arunja, reden muss. Aber kommen Sie einfach ‘rein! Ich bin übrigens Leo Bass!”

Wäre ich als Mensch nicht mehr als halb so alt wie er, würde ich ihm spontan das Du anbieten. Denn seine Herzlichkeit gefällt mir sehr. Er schließt die Haustür auf, und wir gehen hinein. Zuerst nimmt er seinem Hund das Geschirr ab.”Möchten Sie auch einen Kaffee und ein zweites Frühstück?”
“Einen Kaffee trinke ich gern. Aber Hunger habe ich keinen! Danke!” “Ich muss erst mal was essen. Ich war bei der Blutabnahme. Da muss man ja nüchtern kommen!”
Das Haus ist auch im Inneren ähnlich gestaltet wie mein neues Zuhause. So befindet sich auch hier die geräumige Wohnküche links von der Haustür. Auch hier gibt es eine gemütliche Eckbank und einige Stühle, die um einen großen Tisch stehen, auf dem eine blaue Wachsdecke liegt. ein benutztes Frühstücksgedeck, eine rote Thermoskanne, ein leerer Brotkorb und eine Dose mit verschiedenen Wurstsorten stehen auf dem Esstisch.”Mal sehen, ob er heute wenigstens sein Frühstück weggeräumt hat!”Als Herr Bass die Sachen auf dem Tisch findet, schüttelt er verärgert den Kopf, nimmt die Thermoskanne, schüttelt sie kurz und brummt:
“natürlich leer! – Wenn er sich an den Kosten und der Hausarbeit so beteiligen würde, wie er isst und trinkt, wäre es so gerade mit ihm auszuhalten!”
ER stellt die Wurst in den Kühlschrank und setzt Kaffee auf.
Ich habe mich auf der Eckbank niedergelassen und der Hund beginnt mich ausgiebig zu beschnuppern. Ich streichle ihn.”Thessa, du sollst dich nicht immer direkt an die Leute heranmachen. Du weißt doch, dass das nicht jeder mag!”
“Mir macht es nichts aus, und ich kraule Thessas weiche Ohren.
Herr Bass räumt das Frühstücksgeschirr meines zukünftigen Chefs in die Spülmaschine und macht sich ein Käsebrot. Während wir Kaffee trinken unterhalten wir uns. Ich erfahre, dass Leo Bass eine Teilzeitstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität hat und als Onlinejournalist arbeitet, dass ihm dieses Häuschen gehört, das er von seinen Eltern geerbt hat, und dass gleich Lea Hafenmeister kommt, der er angeboten hat, so lange in seinem Gästezimmer zu wohnen, bis Magdalena wieder kommt.”Sie fühlt sich so einsam. Und unter Menschen hat sie etwas Ablenkung. Sie ist wie Magdalena auch ein ruhiger und unkomplizierter Gast!”

Es ist nach viertel nach zehn, als endlich schwere, schlurfende Schritte und das Tippen eines Blindenstocks auf dem Weg vor dem Haus zu hören sind, und schließlich die Tür aufgeschlossen wird.
“Ist die Frau Engel schon da?” fragt eine tiefe, leicht nuschelnde Stimme.”Guten morgen, erst mal!” meint Leo Bass.
“Und was heißt hier schon? – Du hast sie für halb zehn bestellt”
“naja, ich hab’ eben immer andere Sachen um die Ohren!” nuschelt Bendix Krämer und betritt die Küche. Er setzt sich an den Tisch und beginnt unablässig zu schaukeln.
“Krieg’ ich denn hier keinen Kaffee?” fragt er wie ein beleidigtes Kleinkind.
“Hol’ dir ‘ne Tasse! Kaffee ist noch da!”
Bendix Krämer steht auf und wackelt zum Küchenschrank. Und dabei setzt er eine gekränkte Miene auf.Ihn kann man beim besten Willen nicht als korpulent oder wohl beleibt bezeichnen. Er ist fett und zwar auf eine träge Art. Obwohl er unablässig schaukelt und in Bewegung ist, geht von ihm eine Passivität aus, die unangenehm ist und sich klebrig anfühlt. Und dass er ständig wackelt, fühlt sich platzgreifend und beengend an. Doch es ist offensichtlich, dass er trotz seiner Nachlässigkeit und Trägheit sehr genau weiß, was er tun muss, damit sich die Welt nur um ihn dreht. ich muss also aufpassen.”Ich bin dann in meinem Arbeitszimmer!” sagt Leo Bass, steht auf und geht aus der Küche. Thessa folgt bei Fuß. Leo Bass macht hinter sich die Küchentür zu.

Als wir allein in der Küche sind, beginnt mein irdischer Vorgesetzter schneller zu schaukeln als zuvor. Er ist nicht schmutzig oder unsauber gekleidet. Aber er stinkt mir gewaltig. Ich kann die Dominanz, die sein Körpergeruch verströmt und das süßliche Männerparfum oder Aftershave, das nicht zu ihm passt und zu viel ist, nicht ausstehen. ich weiß, dass ich mich von Anfang an gegen ihn behaupten muss.

“Stella, ich habe dich auf anraten von Arunja eingeladen. Normalerweise stellen wir Leute unter 25 Jahre nicht ein. Wir sind überein gekommen dich ab 01. Juni bei unserer Seherline zu beschäftigen!”Er erwartet wohl, dass ich mich jetzt für seine Großzügigkeit bedanke.””Herr Krämer, ich bin nicht vor dem 01. Juni hierher gekommen, um Sie zu ärgern. Ich habe mich nicht so schnell um den Vertrag gekümmert, um tatenlos herumzusitzen. Außerdem bin ich jung und brauche das Geld. Meine Zugangsdaten sind schnell eingegeben. Und in Ihren Unterlagen steht, dass Berater innerhalb von 24 Stunden freigeschaltet werden können.”
Er brummt unwillig vor sich hin. Dann greift er in seine Hosentasche, zieht ein Handy heraus und tippt eine Nummer ein.”Hallo Arunja, mein Schatz! Ich sitze hier mit der Engel. Sie verlangt ab morgen schon für uns arbeiten zu dürfen!” Nachdem er das in einem nachlässigen Tonfall gesagt hat, hört er eine Zeit lang zu, verabschiedet sich und drückt die Auflegetaste.”Also, Stella, verstehst du denn gar nicht, warum wir Leute unter 25 Jahren nicht nehmen und bei Ausnahmen etwas Zeit verstreichen lassen. Ach, ja, bevor ich es vergesse, du bist zu unserer Eröffnungsparty eingeladen. Sie findet heute ab sieben Uhr hier statt.”
Er sieht in meine Richtung und macht ein Gesicht als spräche er mit einem unnachsichtigen Kind.”Herr Krämer, ich verstehe, dass es regeln gibt. Ich verstehe auch, warum es möglicherweise sinnvoll ist, gerade diese Regel zu haben. Schließlich haben junge Leute oft noch nicht genug Lebenserfahrung.Aber eine solche Regel hat in den AGB oder im Vertrag zu stehen, nicht wahr? Und ich habe mir die Unterlagen gestern Abend noch einmal gründlich durchgelesen und diese Geschäftsbedingung an keiner Stelle gefunden. Ich habe die ausgefüllten Unterlagen selbstverständlich mitgebracht.”
“Stella,Kindchen, ich will dir nur helfen. Und ich schlage vor, dass wir uns duzen. Das ist bei uns so üblich. Es hilft eine konstruktive Nähe und ein sehr positives Betriebsklima herzustellen.”
“Was Sie tun, Herr Krämer, ist ganz allein Ihre Sache. Für mich sind Sie mein Vorgesetzter. Und darum bleibe ich beim Sie! Und bohl ich fast dreißig Jahre jünger bin als Sie verbitte ich mir die Bezeichnung Kindchen, weil ich durchaus kein Kind mehr bin.”
“Äh, das Kindchen ist mir nur so herausgerutscht!””Wie dem auch sei! Sie können mit mir reden, wie Sie wollen. Ich aber bleibe bei der förmlichen Anrede!”
“Also, Stella! Du darfst morgen anfangen. Aber die Arunja kommt gleich vorbei. Und du wirst über meinen Account in ihrem Beisein ein oder zwei Testgespräche führen. Damit wir ganz genau wissen, woran wir mit dir sind.”
“Herr Krämer, das ist selbstverständlich überhaupt kein Problem.”
Als ich das gesagt habe, zeigt sich auf dem Gesicht meines irdischen Vorgesetzten ein verblüffter Ausdruck. Ich sollte mich wohl vor diesem Test, den sie wahrscheinlich schon gestern oder so, geplant haben, fürchten. Aber ich fürchte mich nicht, obwohl ich Arunja nicht kenne und auch nicht auf Engelamt oder im Internet nachgeschaut habe, wer sie ist. Mir schwant, dass das ganze Hin und Her dazu dient, mich sozusagen spirituell zu scannen und auf Linie der Seherline zu bringen. Na, wenn sie meinen!

07. Das erste spirituelle Duell

ungefähr eine Stunde später sitzen Arunja, Bendix und ich im ersten Stock an Bendix’ Schreibtisch.
a”Kindchen, du kannst jetzt nach unten in die Küche gehen und noch einen Kaffee trinken. Wenn wir entschieden haben, ob wir dich schon morgen arbeiten lassen, sagen wir dir dann bescheid. Aber es kann dauern. Schließlich haben wir auch noch andere Dinge zu besprechen.”
Und es gelingt Arunja sehr geschäftsmäßig zu klingen, während sie das sagt. Aber sie macht eine ungeduldige Handbewegung in meine Richtung, als wollte sie ein Insekt verscheuchen. Und ich weiß, dass sie sich darüber ärgert, dass ich ganz gelassen aufstehe, zur Tür gehe und diese langsam hinter mir schließe. Und es wundert mich überhaupt nicht, dass sie mir, nachdem die Tür geschlossen ist, “Teufelsweib!” hinterher spuckt. Ich halte wie durch ein leises Signal gewarnt inne. Denn die geschlossene Tür hält nichts von der Bosheit, dem Neid und der gekränkten Eitelkeit, die in diesem Wort stecken auf und von mir ab. Es ist diese ätzende Mischung ihrer Gefühle, die mir durch Mark und Bein geht. Schließlich bin ich in Menschengestalt und daher auch mit menschlichen Gefühlen ausgestattet. Der Begriff Teufelsweib macht mir dagegen überhaupt nichts aus, obwohl das natürlich vor allem in Engelskreisen ein echtes Schimpfwort ist, denn Luzifer, Satan oder wie man ihn auch nennen mag, ist ein abtrünniger Engel. Und das gilt auch für seine Anhänger, die ihm gefolgt sind.”Wir werden sie auf jeden Fall ab morgen arbeiten lassen. Sie kann wirklich was. Sie ist ein Goldesel. Aber sie braucht nicht zu denken, dass ich ihr nicht genau auf die Finger sehe. Und ich koche sie weich, damit sie ab 15. Juni auch bei unserer Fernsehsendung mit macht. Eine junge, große Frau, die einigermaßen gut aussieht und solche Fähigkeiten hat, ist ein Publikumsmagnet. An ihrem Stil müssen wir selbstverständlich auch noch feilen. Du siehst es ja nicht. Aber dieser nichts sagende Freizeitstil bei den Klamotten, das geht überhaupt nicht.”
Also gilt es auf der Hut zu sein. Ich beschließe nach unten zu gehen und wirklich noch mindestens einen Kaffee zu trinken. Ich habe es aber nicht eilig in die Küche zu gehen und mich auf den Platz zu setzen, an dem noch meine schöne, große Kaffeetasse steht. Ich habe Zeit über alles sorgfältig nachzudenken, denn sie werden mich absichtlich lange warten lassen. Das gehört zu dem, was Arunja weich kochen nennt und soll mich mürbe machen. Aber das macht mir nicht das Geringste aus. Denn meine Zeit ist ja die Ewigkeit.

Mein irdischer Chef und ich hatten nicht lange auf Arunja warten müssen, nachdem Bendix sie angerufen hatte. Als sie gekommen war, hatte sie erst einmal Sturm geklingelt. Und Thessa hatte im Arbeitszimmer von Herrn Bass aufgeregt angeschlagen.”Dieser Scheißköter!” hatte Bendix geschimpft, war umständlich aufgestanden und zur Haustür gewackelt. Als Bendix ihr die Tür geöffnet hatte, hatte sie ihren Vorgesetzten übertrieben herzlich gegrüßt. Küsschen links und Küsschen rechts.”Guten Morgen Bendix! Gut siehst du heute aus. Ist das ein neues Aftershave? – Interessant!”

Arunja ist eine Frau Anfang fünfzig. Sie ist mittelgroß, hat scharfe, graue Augen. Dagegen sind Haltung und die übrigen Gesichtszüge übertrieben weich und nebelhaft vergeistigt. Sie hat mittellanges, blondes, gelocktes Haar, von dem man nicht sagen kann, was davon natürlich oder vom Friseur ist. Während sie einander begrüßten, stand ich auf und ging Richtung Haustür. Es war genau die richtige Entscheidung, denn plötzlich wandte sich Arunja von unserem Chef ab und stürzte auf mich zu. Ich wollte sie nur einfach begrüßen. Ich wollte aber auf keinen Fall ein Küsschen links und ein Küsschen rechts. Also trat ich noch einen Schritt vor und streckte ihr einfach meine rechte Hand entgegen.
“Guten Tag, Stella Engel!” sagte ich freundlich aber nicht in besonders vertraulichem Ton. Darüber, dass ich so ruhig und entschlossen das tat, was ich für richtig hielt, war sie so erstaunt, dass sie mir einfach nur leicht irritiert ihre rechte Hand gab. Doch es war offensichtlich, wie gern sie zumindest für einen Augenblick vollen Zugriff auf mich gehabt hätte, obwohl das für sie gar keinen Nutzen hätte haben können. So leicht wird man meiner nicht habhaft. Natürlich hatte sie ihre Fassung nicht vollkommen verloren. Das war auch nicht meine Absicht gewesen, obwohl mir klar war, dass sie mich auf jede erdenkliche Art herausfordern wollte.
„Ich will jetzt erst einmal die Unterlagen sehen!“ meinte Arunja.
Als ich ihr den Umschlag gab, der auf dem Tisch gelegen hatte, sah sie sich nur den Bogen an, auf den ich mein Profil eingetragen hatte. Nachdem sie meine Angebote gelesen hatte, schüttelte sie den Kopf sagte aber zunächst nichts dazu.

”Bevor wir an die Arbeit gehen, wäre es wohl doch gut, dass wir uns erst einmal ein bisschen kennen lernen!”
“Das ist gut! Da wir gerade dabei sind, wie heißen Sie eigentlich wirklich, Arunja?”
“Aber Kindchen, wir sind doch alle eine große Esoterikfamilie und per Du. Da reicht doch wohl mein Künstlername!”
Hätte ich ihr widersprochen, hätte sie sicherlich noch sehr lange darüber schwadronieren können, warum man in den spirituellen Kreisen immer vertraulich per du und künstlich nah ist. Aber auf solche Diskussionen hatte ich und habe ich keine Lust. Also beschloss ich es dabei bewenden zu lassen und sie bei bedarf mit Arunja und Sie anzusprechen.”Darf ich deine Aura lesen?”
Das hatte sie geschickt gemacht. Das muss man ihr lassen. In dem sie um Erlaubnis gebeten hatte meine Aura lesen zu dürfen, musste sie vor Bendix, der inzwischen wieder heftig schaukelnd auf seinem Platz saß, nicht zugeben, dass sie, obwohl sie eine erfahrene Auraleserin ist, meine Aura nicht ohne Weiteres hatte ansehen können.

Bezogen auf die Aura gibt es eine Grundregel, die für alle Wesen, auch für uns Engel, gilt. Die Aura, also die ureigenste Ausstrahlung, eines Wesens ist niemals vollkommen identisch mit der körperlichen Gestalt des Wesens, zu dem die Aura gehört. So sehen Menschen, die ein leuchtendes Wesen mit Flügeln und heiligen Schein sehen, eine Engelgestalt nicht aber die Aura des Engels. Die Gestalten von Engeln können verändert werden, weil wir übernatürliche Wesen sind. Aber unsere Aura bleibt immer gleich. Und Menschen können lernen die Aura anderer Menschen zu sehen und zu lesen. Aber sie können die Aura eines Engels normalerweise nicht sehen, weil wir unsere Aura bedeckt halten. Schließlich können Menschen nicht lernen die Aura eines Engels zu lesen., wirklich zu verstehen, was die einzelnen Elemente bedeuten Sehen können Menschen die Aura eines Engels nur, wenn der Engel sie ihnen zeigt. Aber, wenn Arunja meine ureigenste Ausstrahlung sehen wollte, so sollte sie es haben.”Natürlich dürfen Sie meine Aura lesen. Ich hab’ vor niemandem etwas zu verbergen!”Und während ich das sagte, machte ich eine Geste mit meiner linken Hand und streifte die Decke von meiner Aura kurzer Hand ab.
Ich kann meine Aura ohne Bedenken Menschen zeigen, denn das große, runde Leuchten, aus dem meine Aura besteht, ist kräftig, aber es blendet Menschen nicht. Die Größe und die Grundform meiner Aura bleiben immer gleich. Meine Ausstrahlung besteht auch immer aus den Farben mittelblau und purpurrot. Doch die innere Farbkonstellation meiner Aura verändert sich stetig. So ist beispielsweise ein blauer Punkt für eine gewisse Zeit in der Mitte, bevor sich dann ein purpurroter Mittelpunkt zeigt etc. Bei dieser Bewegung in meiner Aura handelt es sich nicht um eine Störung. Es ist einfach nur ein besonderes Merkmal meiner ureigensten Ausstrahlung. Aber Arunja hatte so etwas noch nie gesehen. Und als ich ihr verdutztes Gesicht sah, machte ich einfach die umgekehrte Handbewegung, um meine Aura wieder zu bedecken und fragte mit absichtlich unsicherem Ton in der Stimme:
“Nun, stimmt was nicht?”
Arunja schloss ihre grauen Augen und stotterte mit leicht hysterischem Unterton in der Stimme:
“Das ist – Das ist – Das ist doch keine Aura!”
“Wie bitte? – Aber, wenn es keine Aura ist, was ist es dann?”
“Es ist eine wabernde Ausstrahlung aus mittelblau und purpurrot. – Ich hasse purpurrot!”
“Aber eine Ausstrahlung ist eine Aura doch immer, gleichgültig, welche Form oder Farbe sie hat. Also ist es doch eine Aura. Und dafür, dass sie eine Farbe hat, die Ihnen nicht gefällt, kann niemand was!”Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich sie in einem Gebiet empfindlich getroffen hatte, in dem sie sich für ziemlich unverwundbar gehalten hatte. Aber das musste keineswegs bedeuten, dass sie es damit bewenden lassen würde. Es war wahrscheinlich, dass sie von mir erwartete, dass ich ihre Aura lesen und analysieren sollte. Dazu wäre ich leicht in der Lage gewesen. Aber ich wollte einfach nicht. Ich wollte über sie nicht mehr wissen als nötig. Und ich war mir sicher, dass ich alles, was ich über sie wissen musste, um mit ihr umgehen zu können, auch ohne das Lesen ihrer Aura erfahren würde. Also sagte ich:
“Ein persönliches Gespräch unter Kollegen ist wichtig und nützlich. Aber wir werden uns sicher gut genug kennen lernen, wenn wir nach oben gehen, und Sie erleben, wie ich berate und arbeite.”
Sie sah mir fest ins Gesicht. Aber sie konnte nichts Falsches in meinem offenen Blick entdecken. Sie fragte sich aber doch, ob es klug war, jemanden in die eigene Aura sehen zu lassen, der selbst so eine komplexe Aura hatte, wie ich sie nun mal habe. Das ” ist wahrscheinlich richtig! Aber eins möchte ich noch von dir wissen, Kindchen! Warum machst du keine Rückführungen, obwohl du sonst doch eigentlich alle spirituellen Techniken beherrschst?”
“Ich mache keine Rückführungen, weil ich mit Reinkarnationslehren alles Andere als gute Erfahrungen gemacht habe.”
“Aber man soll doch für alles offen sein und alles ausprobieren. Und in deinen jungen Jahren ist eine so deutliche Ablehnung wohl nicht angebracht. Schließlich hemmt eine derart kategorische Ablehnung deine spirituelle Entwicklung!”
“Es ist, wie ich es gesagt habe. Meine Erfahrungen mit Reinkarnationslehren ist überhaupt nicht gut. Und alles kann keiner. So ist das nun mal.”
Sie sah mich argwöhnisch an. Aber mein Blick war wie zuvor offen, ruhig und ehrlich. Und da blieb ihr nichts übrig, als es dabei bewenden zu lassen.

“Also, Bendix, geh’ schon mal vor und logg’ dich ein! Wir kommen nach.”
Mein irdischer Chef machte sich geräuschvoll auf den Weg in sein Zimmer.
“Eins muss ich dir sagen, Kindchen! Bendix ist voll in Ordnung, aber er versteht nichts von den spirituellen Dingen, jedenfalls noch nicht! Du brauchst dich also überhaupt nicht zurückzuhalten. Aber du solltest auch nicht versuchen mich vor ihm blamieren zu wollen!”
Ich hatte weder das Eine noch das Andere vor oder schon getan. Doch mir war natürlich schon sehr bewusst, dass Arunja zumindest das Zweite bei mir versuchte. Sie wollte mich auflaufen lassen oder blamieren. Ich sollte als das frühreife, spirituelle Küken da stehen, das ich ihrer Meinung nach war und gefälligst bleiben sollte.
Wir

gingen langsam die Treppe in den ersten Stock hinauf.
“Sein Schlaf- und Arbeitszimmer ist das letzte Loch, was dieser Leo in seinem Haus hat!” erklärte Arunja und öffnete die Tür, die sich linksseitig von der Treppe befand. Ein geräumiges Zimmer, in dessen Mitte ein großer Schreibtisch steht, das dazu noch einem geräumigen Einbauschrank einem gemütlichen, breiten Bett und einer Kommode Platz bietet, und dessen großes Fenster auf den Garten hinaus sieht, würde ich keinesfalls als ein Loch, erst recht nicht als das letzte Loch bezeichnen. Und doch muss ich sagen, dass wir einen Saustall betraten. Nur der Schreibtisch und die drei Stühle, die sich an den beiden Seiten seines Arbeitsplatzes befanden, waren aufgeräumt. Ansonsten herrschte das Chaos. Das Bett war nicht gemacht und war mit Kleidern übersät. Auf dem Boden lagen ebenfalls Kleiderbündel und Punktschriftzeitschriften herum. Auch auf der Fensterbank lagen Papiere und standen leere Cola- und Likörflaschen.

Bendix hatte auf der einen Seite des Schreibtisches Platz genommen und schaukelte gemächlich vor sich hin, während er an der Tastatur und Bedienelementen seiner Braillezeile herumfingerte. Der Computer war selbstverständlich schon eingeschaltet. Er hatte sich in die Seherline eingeloggt. Er gab mir das Telefon, und Arunja und ich setzten uns auf die Stühle, die sich auf der anderen Längsseite des Schreibtischs befanden.
Wir hatten gerade Platz genommen, als das Telefon auch schon klingelte.”Hellsehen ohne Hilfsmittel?” fragte arunja, und ich nickte und nahm das Gespräch entgegen.
“Seherline! Hier spricht Stella und mit wem spreche ich?”
“Guten Tag! Hier spricht Doris!” antwortete eine unsichere Frauenstimme, und ich sah vor meinem inneren Auge eine rotblonde, mittelgroße Frau Mitte dreißig. Und mir kam augenblicklich der Verdacht, dass Arunja oder Bendix eine Kundin überredet hatten, mich anzurufen, um mich auf die Probe zu stellen. Und dann sagte sie auch noch:
“Ich sollte, ähm, ich wollte fragen, ob mein Herzensmann zu mir kommt!”
Und ich sah, sehr genau, was sich im nächsten halben Jahr im Leben von Doris ereignen sollte. Ich spürte aber auch, wie Arunja versuchte Herrin der Situation zu werden, die Gedanken von mir und Doris zu “scannen” und ggf. zu manipulieren. Ihr Blick wurde plötzlich sehr stechend. Also wandte ich ihr meinen Blick zu und zeichnete genau in der Mitte zwischen ihr und mir mit dem Zeigefinger meiner linken, meiner Arbeitshand Anker, Herz und Kreuz in die Luft. Sie sah, dass ich meinen Finger bewegte, aber da ich Glaube, Liebe, Hoffnung ganz klein in die Luft schrieb, konnte sie es nicht erkennen.”Doris, ist es in Ordnung für dich, wenn ich dir alles ganz genau sage, was ich sehe?”
“Natürlich!” antwortete Doris. Ihre Stimme klang immer noch unsicher. Sie fragte sich wohl, ob sie alles in Arunjas Sinne richtig gemacht hatte, und ob Arunja auch mit meinem Vorschlag einverstanden war.
“”Bei deinem nächsten Einkauf im Supermarkt wirst du eine Frau treffen, die du seit Jahren nicht mehr gesehen hast, sie ist dunkelhaarig, in deinem Alter und du kennst sie aus deiner Kindheit, obwohl ihr früher nicht allzu eng befreundet wart, wird auch sie Dich sofort erkennen. Sie heißt übrigens Regine. Grüße sie einfach. Denn bei dem Gespräch, das sich dann entwickelt, wird sie dich zu sich einladen. Und spätestens, wenn du sie besuchst, wird es dir vorkommen, als hättet ihr euch gestern das letzte Mal gesehen und wärt beste Freundinnen gewesen. Denn sie wollte schon als Kind mit Dir gut befreundet sein. Du kannst ihr alles sagen, was dir auf dem Herzen liegt. Anders als die Menschen, die du sonst so kennst, wird sie dir nicht gleich mit Lösungsvorschlägen auf die Pelle rücken. Aber sie wird dir nach und nach nützliche Tipps geben. Und sie ist bekannt mit deinem Herzensmann, der gerade alles in seinem Leben verändert. Du wirst über sie wieder in Kontakt mit ihm kommen. Und wie gesagt, sie wird dir in den nächsten Monaten immer wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen. Du wirst deine Wohnung behalten können, deine Finanzen in Ordnung bringen und die Partnerin deines Herzensmanns werden. Aber das alles wird ein halbes Jahr dauern und Schritt für Schritt vor sich gehen. Und die Menschen in deiner Umgebung werden ungeduldig werden und versuchen dich zu manipulieren. Übrigens, den Job, den dir dieser scheinbar so großzügige Mensch vorige Woche versprochen hat, wirst du nicht bekommen. Der feine, junge Mann wird dich nächste Woche sehr übel abkanzeln. Aber das macht nichts. Denn sobald der dir die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, bekommst du ein anderes Angebot, auf das dich übrigens deine alte Bekannte und neue Freundin hinweisen wird.”
DA ich mir ansah, was mit Doris geschehen sollte, sah ich es nicht, aber ich spürte, dass Arunjas Gesichtszüge vollkommen entgleisten.”Doris, hast du noch Fragen?”
“Nein, Stella! – Vielen, herzlichen Dank!”
“Spätestens ab 01. Juni schaltet mir der Betreiber meine E-Mailadresse frei. Wenn noch irgendetwas ist, kannst du mir in den nächsten vier Wochen schreiben und bekommst kostenfrei eine Antwort. Das gehört sozusagen zur Nachsorge.”
Ich hörte, dass sich Doris noch einmal herzlich bei mir bedankte, und dass Arunja und Bendix gleichzeitig tief Luft holten. Meine Kundin und ich, wir verabschiedeten uns voneinander, und ich drückte das Gespräch weg. Leise meldete sich ein Zweifel in meinem inneren Ohr. Denn ich hatte alles genau gesagt, nur den Namen des Herzensmanns hatte ich nicht ausgesprochen. Das war Arunja sicherlich nicht entgangen. Aber, was soll’s! Doris weiß von wem die Rede war.

Arunja starrte mich an.”Das mit der Nachsorge steht nicht im Vertrag, oder?”
“Stimmt, es steht nicht im Vertrag und auch nicht in den AGB. Aber es steht auch nicht in den Unterlagen, dass so ein Angebot verboten ist! Und ich für mein Teil werde dieses Angebot in mein Profil eintragen.”
“Mach’ dir keine Sorgen! Im November kommen die Verträge und AGB ohnehin auf den Prüfstand.”
Und während er das sagte, schaukelte mein irdischer Chef unverdrossen weiter.”Möchtest du auch ‘ne Zigarette?” fragte arunja.
“Nein, danke, im Moment nicht!”
Arunja zündete sich eine Zigarette an und starrte in den Rauch, als könnte sie aus dem Zigarettenrauch lesen.”Du musst ein verdammt gutes Gedächtnis für deine Kunden und eine ausgezeichnete Gesprächsführung haben, wenn du so eine Nachsorge anbieten willst, ohne ständig ausgenutzt zu werden!”Und ich hörte aus dem Klang ihrer Stimme, dass sie davon ausging, dass ich weder ein ausreichend gutes Gedächtnis noch eine geeignete Gesprächsführungstechnik haben würde, um nicht ausgenutzt zu werden. Ich tat, als hörte ich diese Unterstellungen nicht.
“Logg’ dich aus, Bendix! Wir versuchen mal etwas Anderes!”
Bendix drückte auf der Tastatur herum und kurze Zeit später wurde der Computer herunter gefahren.

“Bendix, hast du noch eine frage an Stella?”
Er tat, als müsste er scharf überlegen. Aber ich wusste, was er wissen wollte.
“Sie möchten wissen, wie es mit Magdalena weiter geht, und ob sie endlich ihrer habhaft werden können!”
“Ich möchte vor allem erst mal wissen, ob sie überlebt!”
“Dazu steht allerdings etwas in den AGB und im Vertrag. Fragen nach gesundheitlichen Aspekten oder nach dem Ableben von Personen dürfen nicht beantwortet werden.”
“Aber wir sind hier doch unter uns, sozusagen unter Profis und Gleichgestellten!”
Bendix nuschelte in einem Ton, den er wohl für beschwichtigend hielt.
“Nein, wir sind hier nicht unter Gleichgestellten. Denn Sie sind mein zukünftiger Vorgesetzter. Und diese, wie soll ich sagen, Grundregeln gelten für jede Beratung.”
Bendix machte ein beleidigtes Gesicht. Und mir wurde schlagartig bewusst, dass er wirklich geglaubt hatte, dass ich nur, weil ich diese Arbeit schneller antreten wollte als geplant, und weil er mein Chef sein würde, meine Prinzipien sofort über Bord werfen würde. Arunjas Gedanken gingen in die gleiche Richtung. Das spürte ich genau. Aber sie sagte:
“Ähm, das geht wirklich nicht!”
Ihr stechender Blick glitt an mir ab, und ich erklärte vorsichtshalber:
“Sie wollen beide, dass ich ehrlich zu ihnen bin. Also bekommen sie eine klare und ehrliche Aussage. Ich werde Ihnen, Bendix, nichts über Magdalena sagen. Sie sind beleidigt, dass Sie seit über dreißig Jahren nicht bei ihr landen können und haben auch sonst keine guten Absichten, sind Besitz ergreifend und so. Da ist es wohl nicht angezeigt, Ihnen etwas über sie zu sagen.”
Wieder sah mein zukünftiger Chef wie eine beleidigte Leberwurst aus. Aber er sagte nichts, weil er einfach wusste, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Arunja stand auf und ging zu ihm. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr und streichelte ihm beruhigend über den Rücken.”Ihr passt sowieso sehr gut zueinander!” Dachte ich.

Als Arunja wieder zu ihrem Platz zurückkam schickte sie mich weg.
“Stella!”
“Ja, Herr und Meister!”
“Stella, ich heiße Gabriel!”
“Was gibt es denn, Gabriel?”
“Du hast alles richtig gemacht. Und du bist jetzt gewarnt. Pass’ also auf, was Arunja in der nächsten Zeit macht.”

08. Unter vier Ohren Mit Thessa
Ich sitze in der Küche und mir wird klar, wie schroff ich mich Arunja und Bendix gegenüber verhalten habe.”Angemessen ist wohl ganz anders!” denke ich.
“Und warum hat Gabriel mein Verhalten nicht kritisiert oder mit einer Strafe geahndet?”
Ich vermute, er will, dass ich selbst herausfinde, wie ich am Besten mit ihnen umgehen soll. Man lernt eben nie aus, auch oder gerade, weil man ewig ist.Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich nicht bemerke, wie Thessa in die Küche kommt.

Sie stupst mich freundlich mit ihrem Maul an und denkt mit ihrer inneren Stimme in meine Richtung:
“Hallo Stella!”
Sie weiß natürlich zunächst nicht, dass ich nicht nur merke, wie sie sich mir zuwendet, sondern dass ich sie auch verstehen kann. Also denke ich konzentriert zu ihr hin:
“Hallo Thessa!”
Und sie begreift sofort, wie gut wir uns über unsere inneren Stimmen und Ohren verständigen können. Und sie beschließt sich mit mir zu unterhalten.
“Sag’ mal, Stella, was bist du eigentlich für ein Wesen? Zugegeben, du siehst aus wie’n Mensch. Du riechst auch beinahe so und hörst dich auch fast so an. – Aber eben nur fast!”
“Ich bin ein Schutzengel, der gestern in Menschengestalt auf die Erde geschickt wurde!”
“Hm, Schutz klingt gut. Schutz klingt sogar sehr gut. – Aber du bist doch nicht etwa, zur Strafe, zum Schutz für bendix und/oder arunja hier, oder?”
„Gott sei Dank nicht! Ich bin der Schutzengel für Magdalena. Und ich soll nicht nur auf sie aufpassen, weil sie im Krankenhaus ist. Ich soll ihr Leben in Ordnung bringen!”
Und weil mein Herr, der Leo, der Bendix und auch die Arunja mit Magdalena zu tun haben, musst du für diese beiden Angeber und Spinner da oben arbeiten. Als Tarnung sozusagen.”
“Genauso ist es!”
“Und du redest jetzt nicht auch noch mit deiner menschlichen Stimme zu mir, weil auch sie dann merken würden, dass wir uns ohne Einschränkung unterhalten Können, nicht wahr?”
“Auch das stimmt ganz genau!”
“Dann möchte ich wissen, ob du auch für diese Liebessachen zwischen den Menschen zuständig bist.”
“Aber selbstverständlich! Ich bin für alles zuständig, was Magdalena betrifft!”
“Dann besteht ja durchaus noch Hoffnung!”

Thessa macht eine Pause, legt ihren schokobraunen Kopf auf meinen Schoß und lässt sich die Ohren kraulen.”Aber, was das angeht, müssen wir Geduld haben. Erst muss Magdalena wieder so gesund als möglich werden. Und es wird auch seine Zeit dauern, weil ich als Schutzengel einige Möglichkeiten habe, positiv auf Menschen einzuwirken, aber ich muss den menschlichen Willen respektieren.!
“Das verstehe ich. Aber mir geht langsam in dieser Sache die Geduld aus. Es geht mir auf den Geist, dass die Freundin meines Herrn immer noch da ist und sich immer mehr aufspielt. Seine Freundin ist zur Zeit die viel jüngere Schwester von Bendix. Sie heißt übrigens Vanessa und ist Tänzerin und Tanzlehrerin. Die ist nur anders schlimm als ihr Bruder. Aber wie dem auch sei! – Du sagst, dass Magdalena erst so gesund als möglich werden muss, bevor du in der Liebessache etwas machen kannst. Was wird ihr denn fehlen, wenn ich fragen darf?”
“Ihre Stimme wird ihr fehlen. Besser gesagt, sie wird nach dem Unfall nicht mehr sprechen können.”
Auf dem freundlichen Hundegesicht breitet sich Entsetzen und Trauer aus. Und Thessa muss ein betroffenes Heulen unterdrücken.
“Ich verstehe zwar nicht alles, was Menschen so von sich geben und manchmal ist das wahrscheinlich auch besser so, aber es gibt viele Menschenstimmen, die mir gefallen. Und zu den Stimmen, die ich sehr gern gehört habe, gehörte die Stimme von Magdalena. Ich werde sie vermissen. Dafür müssen wir dann noch viel mehr Gekeife von Vanessa und arunja anhören. So eine Katzenscheiße!”
“Ich werde versuchen darauf zu achten, dass ihr Gelaber nicht allzu sehr Überhand nimmt!”

Thessa hat natürlich recht. Wo jemand ist, der nichts sagen kann, reden die Anderen noch mehr.”Und da ist noch etwas! Es hat nicht mit Magdalena zu tun aber mit ihrer Freundin Lea und uns Hunden. Willst du nicht vielleicht auch einen Hund haben? Deiner Tarnung schadet es doch wohl nicht, wenn du einen Hund hast!”
“Nein, es schadet meiner Tarnung nicht.”
“Auch die Lea hatte einen Führhund. Und auch die Lea war in einen Unfall verwickelt. Ihr Hund, die Daisy, hat sie gerettet. Aber dabei wurde sie selbst so verletzt, dass der Tierarzt ihr einen Teil des rechten Hinterlaufs abnehmen musste. Sie kann jetzt nicht mehr als Führhund arbeiten und ist bei Leas Eltern. Aber Leas Schwester, die auch blind ist und noch bei den Eltern wohnt, fühlt sich vernachlässigt seit Daisy da ist. Und jetzt sucht Lea jemanden, der die Daisy haben will. Sie ist übrigens ein Schäferhundretrievermix.”
“Meine Mitbewohnerin hat gestern schon gesagt, dass sie gern ein Haustier hätte. Dein Herr hat ja gesagt, dass die Lea vorübergehend hier wohnt und gleich kommt. Ich werde das Gespräch auf Hunde bringen. Das lässt sich bestimmt regeln.”
Ich streichele Thessa beruhigend den Kopf.

Plötzlich sindSchritte auf der Treppe zu hören und die Stimmen von Arunja und Bendix.
“Der Leo hat sicherlich keine Lust auf eine Grillparty heute Abend. Aber ich überrede ihn einfach.”
“Ist gut! Gut wäre, wenn wir vorher eine Hausreinigung machen. Ich komme dann früh genug mit dem Weihrauch.”
Thessa schüttelt sich.”Ich bin dann mal weg!” sagt sie zu mir und rast die Kellertreppe hinunter und wenige Sekunden später wird mir klar, warum sie es so eilig hat. Denn mit Arunja kommt ein fürchterlicher Geruch nach irgendeinem Duftöl, das überhaupt nicht zu ihr passt, dass sie gerade frisch aufgetragen haben muss, in die Küche. Und ich höre mit meinem inneren Ohr, wie Thessa vom Fuß der Kellertreppe zu mir nach oben denkt:
“Die stinkt mir aber so was von gewaltig!”

Gemütlich schaukelnd sitzt mein irdischer Chef auf seinem Platz in der Küche, als es an der Haustür klingelt. Thessa kommt freudig bellend die Kellertreppe herauf, geht zur Tür und öffnet sie mit der linken Vorderpfote .Auch Herr Bass kommt aus seinem Arbeitszimmer, um „seinen Gast zu begrüßen.
„Guten Tag, Lea!“
Er nimmt die kleine runde Frau kurz in den Arm. Dann fragt er sie, ob er ihr ihren Rucksack abnehmen darf,um ihn ins Gästezimmer zu bringen.
„Das sieht aus, als ob sie länger bleibt!“ Flüstert Arunja Herrn Krämer zu. Der setzt einen sehr angewiderten Gesichtsausdruck auf. Die Ablehnung, die dieser Mensch ausstrahlt ist so stark, dass ich spontan reagieren muss. Ich sehe wie gestern Abend mit meinem dritten Auge auf meinen linken Handrücken, um sie zu einer Engelhand zu machen, bevor ich die Handfläche in Richtung meines irdischen Chefs zeigen lasse und einmal heftig nach unten streiche. Es fühlt sich unangenehm an, wenn ein Engel Zorn, Abneigung oder andere negative Gefühle wegwischen muss, damit sie sich nicht in einem Raum ausbreiten können und keinen Schaden mehr anrichten. Das widerliche Pulsieren in meiner Linken hört nicht so schnell auf, wie ich gehofft habe.
Krämer merkt sogar, dass irgend etwas passiert ist und hört kurz auf zu schaukeln. Auch Arunjas Gesicht zeigt, dass auch sie etwas gespürt hat. Doch sie wirkt einen Augenblick lang irritiert. Und danach leuchtet nicht einmal ein Kleiner Funke des Verstehens in ihren Augen auf. Also hat auch sie keine Ahnung davon, was ich getan habe.

Während Leo Bass das Gepäck ins Gästezimmer trägt, kommen Frau Hafenmeister und Thessa an den Küchentisch und setzen sich.

Als der Hausherr in die Küche kommt, fragt er:
„Wie wäre es mit einem kleinen Imbiss?“
„Aber wirklich nur eine winzige Kleinigkeit! Wir wollen heute Abend ja schließlich mit unserem gesamten Team hier im Garten grillen, nicht wahr, Bendix?“
„Grillen, hier im Garten, mit allen, die auf der Line arbeiten?“

Da Herr Bass gerade dabei ist neuen Kaffee zu machen, kann man sein Gesicht nicht sehen. Aber seine Stimme klingt sehr ungehalten. Und obwohl ich ihn noch nicht gut kenne, höre ich ihm an, wie selten er so spricht.

„Mit Frau Engel sind wir doch nur zwanzig Leute!“ nuschelt Bendix Krämer.
„Was soll das heißen, nur zwanzig Leute?“

„Hast du etwa keinen Grill, oder was?“ fragt Bendix.
„Aber natürlich hat er einen Grill im Keller. Das hab’ ich bei der Hausreinigung gesehen, die ich an dem Tag gemacht habe, an dem wir die Seherline eröffnet haben!“
Arunja zündet sich eine Zigarette an und redet einfach weiter.
„Ich hab’ den Holzkohlengrill, ein Motorrad und anderen Krempel, der wahrscheinlich einem Verstorbenen gehört hat, in einem der beiden Kellerräume gesehen, als ich mit dem Weihrauch durchs ganze Haus gegangen bin. – Ich sag’ dir was, Leo, du solltest dich von diesem morbiden Gerümpel trennen. Je mehr man davon im Haus hat, desto häufiger und gründlicher muss es gereinigt werden. Diesmal muss ich schon Teufelsdreck anstatt Weihrauch nehmen. Außerdem wird man selbst ganz morbide von diesen morbiden Sachen!“
„Wo sie recht hat, hat sie recht! Du bist mindestens schon so morbide wie die Sachen, die du seit dem Tod deines Bruders da unten
aufbewahrst. Und Du bist auch schon fast so Tot wie Dein Bruder!“
Und während Krämer das sagt, grinst er die ganze Zeit, schaukelt auf seinem Stuhl hin und her und drückt seine Fäuste in seine Augen.Und mir bleibt nichts übrig als noch einmal die Abwehrgeste zu machen, die bereits vor wenigen Minuten schon zum Einsatz kommen musste.

Leo Bass hat inzwischen den Tisch gedeckt und stellt eine Schüssel mit griechischem Salat und einen Korb mit Fladenbrot dazu.
„Vielleicht ist es wirklich eine gute Idee so viel als möglich zu verkaufen. Und als Erstes stelle ich den Grill in die Zeitung. Ich kann mit dem Teil ohnehin nicht umgehen und ihr wahrscheinlich auch nicht!“
„Und was ist mit dem Motorrad? – Damit kannst du Blindfisch nix anfangen. Manche Sachen im Leben laufen einfach dumm ab. Es war eben Pech, dass du mit 15 Jahren blind geworden bist. Und die Ärzte werden bestimmt zu deinen Lebzeiten nichts finden, was dir so was wie eine Erleuchtung bringt!“
„Ich müsste dir das nicht sagen. Die Maschine ist nur deshalb noch da, weil ich bisher noch niemanden gefunden habe, dem ich sie schenken kann. Ich habe dem Richard Versprochen, dass ich seine Honda nicht verkaufe, dass ich sie verschenke!“
„Das solltest du aber bald tun!“
sagt Arunja eindringlich.

Leo Bass holt die Thermoskanne, stellt sie auf den Tisch und setzt sich auf die Eckbank.
„Wenn Ihnen , Frau Brettschneider, die Aura meines Hauses zu morbide erscheint, können Sie Ihre Partys und Besprechungen in Ihrem Haus abhalten. – Und Bendix, Du könntest Dir eine eigene Wohnung suchen, wenn es Dir hier nicht gefällt! Ich werde mich erst in meinem Urlaub um diese Sachen kümmern, also ab Mitte Juli!
„Schenk’ Du den Kaffee aus, Kindchen!“weist mich Arunja an.
Ich gehe mit der Kanne herum und gieße allen Kaffee ein.
„Kannst Du mit einem Holzkohlengrill und einem Zapfhahn umgehen, Kindchen
?“ fragt Krämer grinsend, schaukelnd und in den Augen bohrend.
„Ich kann grillen, zapfen und einen Motorradführerschein habe ich auch, weil ich volljährig bin und ihn schon machen durfte. Und weil ich schon groß und Vielseitig bin, bin ich nicht Ihr Kindchen, sondern Ihre Kollegin Frau Engel!“
„Na, da sieh’ mal einer an, unsere Frau Engel ist tatsächlich auch so eine von den Organlieferantinnen!“
Diese Worte und ihr spöttischer Blick prallen aber an mir ab. Das merkt sie auch. Und ich gebe zu, dass es mir eine Genugtuung ist, wie sehr sie sich darüber ärgert.
Und auch Leo bass übergeht diesen Spott einfach und sagt:
„Sie können sich die Maschine ja bei Gelegenheit mal ansehen!“
„Sehr gern!“ antworte ich.
„Krieg’ ich denn hier gar nichts zu essen?“ fragt Bendix Krämer.
Ich biete an, allen Salat aufzutun. Und auch Arunja lässt stich bedienen. Der Salat ist vorzüglich und alle langen auch beim Fladenbrot kräftig zu. Vor allem Bendix Krämer und Frau Brettschneider üben alles andere als vornehme Zurückhaltung. Zunächst sagt niemand etwas. Aber auch das ist keine Zurückhaltung. Und es ist ebenfalls nicht das gefräßige Schweigen, von dem man häufig spricht, wenn Leute an einem Tisch sitzen, gemütlich essen und nichts sagen.
Niemand will der Nächste sein, der eine zynische Bemerkung macht.
êEigentlich haben wir heute gar keine Zeit für eine Grillparty, die Lea und ich. Wir wollten Magdalena besuchen. Sie hat ja schließlich keine Verwandten!“ sagt Herr Bass.
„So lange könnt Ihr sowieso nicht bleiben. Sie ist ja auf der Intensivstation.“ meint Krämer.

Mir reichen die Sticheleien. Und ich schlage vor:
„Für so eine große Party muss man zuerst einen Großeinkauf machen. Meine Mitbewohnerin hat ein Auto und hilft uns sicher gern. Und dann geht es auch schneller. Und sie haben noch genug Zeit Ihre Freundin zu besuchen.“
„So lange sie nicht als Gegenleistung verlangt mitgrillen zu dürfen!“
meint Krämer grinsend.
„Warum eigentlich nicht?“ fragt Leo Bass und fügt verschmitzt lächelnd hinzu:
„Wer mitmacht und mitessen darf, das hängt wohl ganz davon ab, wer die Zeche bezahlt. Denn wer bezahlt, bestimmt, was es gibt und bestimmt, wer was bekommt. Und ich nehme nicht an, dass einer von Euch bezahlt. Außerdem gilt immer noch die Regel. Wer arbeitet, muss auch essen.“
„Die erste Rechnung für unser erstes Vierteljahr kommt erst am 15. Juni, das wie#t Du doch!“
„Dann ist ja alles klar, Bendix! Ich bezahle. Aber das ist wirklich das letzte Mal. Das heißt aber auch, dass die Lea, die Frau Engel und ihre Mitbewohnerin mit von der Partie sind, wenn sie gern dabei sein mögen und damit basta!“

„also gut!“ meint Arunja in scheinbar versöhnlichem Ton.
Sie greift in ihre Handtasche, die an ihrer linken Stuhllehne hängt. Sie holt einen Kugelschreiber und einen Block heraus, reißt die Obere Seite des Blockes ab und schiebt mir die Schreibsachen hin.
„Für den Einkaufszettel!“

Sie diktiert. Ich schreibe. Und mein irdischer korrigiert die Mengenangaben. Schließlich kommen auch die Getränke an die Reihe.
„Ei Bierfass, fünf Liter, zwei Sixpacks Weißwein, zweimal Rotwein eine Kiste Wodka, drei Flaschen weißer Rum für Colarum, sechs Flaschen Belize, ähm!“
„Das reicht wohl, was die Spirituosen betrifft. Ein paar Flaschen Whisky habe ich zum Beispiel durchaus noch hier.“
„Wir brauchen noch mehrere likeurähnliche Sachen. Die Frauen mögen es ja immer lieber süß!“
meint Krämer.
„Du meinst wohl, dass Du es besonders gern süß magst! – Jetzt verstehe ich auch, woher Eure so genannte Spiritualität herkommt, von den vielen verschiedenen Spirituosen.“
Und wieder zeigt sich auf Leo Bass’ Gesicht ein verschmitztes Lächeln, das noch ausgeprägter ist, als das, was er an diesem Tag schon einmal gezeigt hat.

Als mir Arunja zu verstehen gibt, dass die Liste fertig ist, steht Herr Bass auf und sagt zu Thessa:
„Thessa, bring’ das Geschirr! Wir müssen noch Geld holen!“
Und ich nehme mein Handy und rufe Raela an.
Eine halbe Stunde später sind Herr Bass, Thessa und auch Raela da.
Von Arunja und Bendix ist weit und breit nichts zu sehen und zu hören.
„Die sind bestimmt in diesem neuen Esoterikladen und kaufen Teufelsdreck und anderen Räucherkram, um sich selbst und uns heute Abend zu benebeln!“ meint Frau Hafenmeister.
„Also, auf zum Dienst an der Esoterik!“ sagt Herr Bass.

Wenige Minuten später sind wir im Ersten der beiden Supermärkte, in denen wir auf Raelas Rat einkaufen wollen. Es ist ungewöhnlich voll für einen Dienstagnachmittag. Wir stehen an der Fleischtheke an, an der wir Bauchfleisch und Grillwürstchen kaufen wollen, das hier im Angebot ist, als Leo Bass von einer blonden Frau Anfang dreißig angesprochen wird.
„Hallo Leo, Schatz!“
Mir kommt die schlampige Aussprache sofort bekannt vor.
Herr Bass dreht sich sofort um, und ich sehe Thessas unglückliches Gesicht.Und das kommt nicht daher, dass es ihr verboten ist, auf die andere Seite der Fleischtheke zu gehen.
„Hallo Vanessa! Warum meldest Du Dich denn nicht, wenn man Dich anruft?“
„Ich war doch Zehn Tage im Kloster. Arunja hat mir doch dieses Seminar für meditativen Tanz empfohlen! Und das war echt super!“
„Kannst Du nicht wenigstens bescheid sagen, wenn so was ist?“
„Der Bendix und die Arunja wussten doch bescheid!“
„Die wussten bescheid, aber Du weißt, dass sie den ganzen Tag nur labern, ohne, dass was dabei ‚rumkommt!“
„Ich komme übrigens heute Abend auch. Ich hab’ gerade mit der Arunja gesprochen, dass ich allen zeigen kann, was ich gelernt habe!“
Inzwischen hat Raela die Bestellung aufgegeben.
Leo Bass wendet sich von seiner Freundin ab und spricht 5:1 Verkäuferin an:
„Und dann noch zwei schöne ungewürzte Koteletts für die Hunde!“
„Aber es ist doch nur noch die Thessa!“ sagt Lea Hafenmeister. erschrocken und muss schlucken.

Die Verkäuferin nennt den Preis. Und Herr Bass wendet sich an Frau Hafenmeister.
„Wenn die Daisy nicht bei Deinen Eltern bleiben kann, dann finden wir hier in der Gegend schon jemanden, der ein so herzensgutes Tier aufnimmt!“
Raela sieht mich begeistert an, und ich nicke.
„Also, wir, die Frau Engel und ich sind uns einig, dass wir auf den Hund kommen wollen.Wenn Ihr Hund uns mag, nehmen wir ihn gern. Und Sie können ihn besuchen, wann immer Sie wollen. Wir wohnen im Brunnenweg.“

Ich nehme den Karton mit dem Fleisch entgegen und stelle ihn in einen der beiden Einkaufswagen, die wir dabei haben. Und wir machen uns gefolgt von Vanessa Krämer auf den Weg zu den Spirituosen.
Raela sieht mich fragend an. Und ich beantworte ihre Frage auf Engelart.
„Die ist sicher von dieser Arunja beauftragt alles zu beobachten!“
Und sie beobachtet nicht einfach nur. Sie fragt uns aus. Woher wir kommen? Was wir so tun? Woher wir uns kennen?Warum ausgerechnet wir zusammen wohnen? Es fällt uns dabei nicht leicht uns auf den Einkauf von Lebensmitteln, Einweggeschirr etc. zu konzentrieren. Natürlich hilft sie uns nicht bei der Einkauferei. Und als wir bezahlt haben und die Wagen beladen, um sie zum Auto zu bringen, ist es Herr Bass, der zu seiner Freundin sagt:
„was soll die Fragerei? Wenn Du nicht helfen willst, kannst Du ja schon mal nach Hause gehen und Dich um die Vorbereitung des Gartens kümmern!“
Aber sie geht nicht nach Hause. Sie fährt uns mit ihrem Auto hinterher zum zweiten Supermarkt. Aber wenigstens hört sie mit der Fragerei auf.

Es ist drei Uhr, als wir wieder im Haus von Herrn Bass ankommen.
Nachdem die Einkäufe ausgepackt und verstaut sind. Einigen wir uns darauf, dass Raela, Frau Hafenmeister und ich zum Krankenhaus fahren, um Magdalena zu besuchen. Und dass wir danach zusammen zur Familie Hafenmeister fahren, um Daisy abzuholen, bevor wir dann spätestens um halb sechs wieder zurückkommen, um bei den Vorbereitungen für das „Esoterikgrillen“, wie Leo Bass es nennt, zu helfen.
Bevor ich das Haus verlasse, gehe ich zu Thessa:
„Tut mir leid, dass Du so lange auf die Sache mit Daisy warten musstest. Aber die Zankerei und die Arbeit im Dienst der Esoterik ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Da habe ich meinen Einsatz nicht gefunden!“

“Kein Problem!“ denkt Thessa zu mir hin.
Und zwei freundliche Hundeaugen lächeln mich einfach nur an.
10. Die Gedanken- und Gefühlsbrücke für Magdalena und Lea
„Wir müssen reden!“
hat Vanessa zu Leo Bass gesagt. Und Lea Hafenmeisters Gesicht hat einen verzweifelten Ausdruck bekommen.
„Das ist nicht schlimm. Die Stella oder ich begleiten Sie zu Magdalena!“ sagt Raela.
Ich habe die Missgunst, die in Vanessa aufgekeimt ist, gespürt und habe gesagt:
„Raela arbeitet in dem Krankenhaus, in dem Ihre Freundin ist. Und da sie keine Verwandten hat, und weil es nicht um eine Entscheidung sondern um einen Besuch geht, wird man Sie zu Ihrer Freundin lassen und auch nichts dagegen haben, dass ich Sie begleite!“
Und auch Herrn Bass ist nicht entgangen, dass seine Freundin sich einmischen will.
„Wir haben wirklich zu reden!“ hat er an seine Freundin gewendet gesagt, bevor er sich zu Lea Hafenmeister gewendet hat, um ihr zu sagen:
„Und das nächste Mal gehe ich natürlich gern mit!“

Wir fahren mit Raelas Auto zum Krankenhaus. Lea Hafenmeister sitzt auf dem Rücksitz, Raela fährt. Und ich sitze auf dem Beifahrersitz. Autos sind wirklich nicht mein Ding. Ich fühle mich irgendwie eingesperrt, obwohl Raela einen Kombi fährt, der ja gar nicht so klein ist. Vor allem, wenn wir an einer Ampel stehen, fühle ich mich unbehaglich.

„Was wirst Du für Frau Hafenmeister und Magdalena jetzt tun?“ fragt Raela mich nach Engelart.
„Ich werde unseren himmlischen Chef um Erlaubnis bitten, Die Gefühls- und Gedankenbrücke von Mensch zu Mensch machen zu dürfen!“
„Das ist eine gute Idee. Du kannst das bestimmt sehr gut. Als ehemalige Seelenführerin musstest Du das sicher schon oft machen!“
Ich nicke. Und dann wende ich mich gedanklich an Gabriele.
„Darf ich gleich für ungefähr eine halbe Stunde die Gedanken- und Gefühlsbrücke für Lea und Magdalena sein, Herr und Meister?“
„Ich heiße Gabriel, Stella. Aber natürlich darfst Du Magdalena und ihrer Freundin auf diese Art helfen!“ lautet Gabriels Antwort.
„Vielen Dank, Herr, äh, Gabriel!“

Wenige Sekunden später parkt Raela gekonnt rückwärts ein und stellt den Motor ab. Wir steigen aus. Und ich biete Lea Hafenmeister meinen Arm an. Sie hakt sich bei mir ein. Raela geht vor, um mit der Stationsschwester der Intensivstation zu sprechen, die ihre direkte Vorgesetzte ist, denn meine Mitbewohnerin ist seit zwei Jahren in dieser Abteilung beschäftigt.

Die Intensivstation,, die Säuglingsstation und die Säuglingsintensivstation befinden sich im Erdgeschoss des Marienhospitals. Als Frau Hafenmeister und ich die Station betreten, kommt uns eine kleine runde Frau Ende 50 entgegen. Unter ihrem Schwesternkittel trägt sie den Habit der Benediktinerinnen. Sie begrüßt uns freundlich, gibt uns sterile Kleidung und zeigt uns, wo wir uns die Hände waschen sollen.

Das Zimmer, in dem sich Magdalena befindet, ist wie alle Krankenzimmer auf der Station zum Flur hin offen. So können Schwestern und Ärzte jeder Zeit schnell und ungehindert zu den Patienten. Nur Magdalenas Bett, das medizinische Equipment und zwei Stühle befinden sich im Raum.

Wir setzen uns auf die beiden Stühle, die so nah am Krankenbett stehen, dass Frau Hafenmeister ihrer Freundin ganz einfach die Hand geben kann. Doch das traut sie sich zuerst nicht. Raela steht plötzlich in der Tür und sieht auf die Anzeigen der medizinischen Geräte und sieht ungefähr eine halbe Minute auf das, was sie anzeigen.
„Das ist gut! Alles stabilisiert sich. das heißt, Magdalena merkt doch, dass Ihr da seid und ihr gut tut. – ich warte dann im Schwesternzimmer auf Euch!“
Dann wendet sie sich ruhig ab , und wir hören sie den Flur entlang gehen.

Jetzt ist es an der Zeit für den Aufbau der Gefühls-und Gedankenbrücke. Diese Verbindung zwischen einem schwer kranken oder sterbenden Menschen und einem Verwandten oder Freund herzustellen ist auch für gestandene Seelenführer oder Schutzengel alles andere als eine einfache Aufgabe. Wir brauchen dazu nicht nur die Erlaubnis unseres direkten Vorgesetzten und werden hart bestraft, wenn wir dieses Einverständnis nicht einholen. Für diese Aufgabe benötigen Engel eine besondere Auge-Hand-Koordination, für die äußerste Konzentration und Hingabe sowie eine ruhige, starke und flexible Engelhand erforderlich sind. Und das ist wie mit allen schwierigen Dingen. Wenn ich beschreibe, was ich dabei zu tun habe, klingt es ganz einfach. Schließlich wische ich nur die Vorbehalte und Ängste weg, die Lea Hafenmeister hat, und die sie blockieren. Und für Magdalenas Lebenszeichen, die so gering sind, dass ihre Freundin sie nicht süßen kann, bin ich der Verstärker. Wenn man bedenkt, was eine Engelhand so kann, wie wandlungsfähig sie ist, klingt das doch ganz einfach, oder?

Eine Schwierigkeit ist dabei, dass Blockaden und Lebenszeichen immer gleichzeitig auftreten und koordiniert werden müssen. Dazu ist eine absolute Hingabe und große Flexibilität nötig. Denn die Kommunikation zwischen den beiden Menschen darf nicht einmal für den kleinsten Bruchteil einer Sekunde abreißen.Und ein Engel muss absolut ruhig und geduldig bleiben dabei. Denn Hast und Ungeduld setzen Menschen unter Druck, so dass sie nicht mehr sie selbst sein können. Und wenn man sich diese Aufgabe wie ein Band zwischen zwei Menschen vorstellt, wird klar, dass der Kontakt gerade durch Ungeduld und Eile besonders leicht abreißen kann.

Ich mache aus meiner linken Menschenhand wieder meine Engelarbeitshand, indem ich sie konzentriert mit meinem dritten Auge ansehe, bis mein Handrücken in Purpur und blau zu leuchten beginnt. Eine wichtige Regel bei dieser Aufgabe ist, dass ich die Menschen nicht direkt und auf Menschenart berühren darf. Auch das wäre ein unzulässiges Druckmittel. Dann bekämen die beiden meine Gegenwart deutlich zu spüren. Ich muss aber unerkannt bleiben. Denn auch das hilft ihnen sie selbst zu sein und sich ungestört miteinander zu befassen.

Das Erste, was ich spüre ist, dass sich Lea Hafenmeister nicht traut, Magdalena die Hand zu geben, obwohl sie genau das gern möchte. Also wische ich ihre Scheu weg. Und tatsächlich tastet Frau Hafenmeister nach Magdalenas Hand, um sie liebevoll zu halten.

Zunächst sagt sie nichts. Sie weiß ja nicht, ob Magdalena überhaupt etwas wahrnimmt. Und ich verliere Gott sei Dank nicht die Geduld. Denn es dauert seine Zeit, bis Lea Hafenmeister die kleinen Lebenszeichen, die ihr Magdalena übermittelt, mit allen Fasern ihres Seins aufgespürt hat und in der Lage ist, mit ihrer Freundin zu sprechen.

Und schließlich beginnt Frau Hafenmeister leise mit Magdalena zu sprechen. Es fällt ihr natürlich nicht leicht. Das hört man ihrer Stimme auch sehr deutlich an. Sie redet langsam und macht Pausen, in denen sie sich auf Magdalena und das konzentriert, was sie über ihre Hand von ihrer Freundin erspüren kann.

„Ich bin froh, dass Du noch da bist!“ Und dann erzählt sie alles, was sei seit gestern Abend, seit Magdalena zur Chorprobe gegangen ist, erlebt hat.
„Und der Leo hat ganz fest versprochen, dass er das nächste Mal auch mit kommt! Er vermisst Dich genauso, wie ich Dich vermisse. Er kann das bloß nicht so zeigen. Schließlich ist die Vanessa auch noch da. Und sie macht furchtbaren Ärger und regt sich schrecklich auf!“

Und dann wird meine Gelassenheit und Ruhe auf eine harte Probe gestellt.
„Die beiden Frauen aus dem Brunnenweg, von denen ich Dir eben erzählt habe, die sind wirklich richtig nett und hilfsbereit. Sie haben so eine praktische Freundlichkeit, wie sie auch Deine Tante hatte. Und dabei sind sie ganz natürlich. So stelle ich mir Engel vor!“
Wie gut, dass sie nicht gesagt hat, dass wir Engel sind. Solche Sachen sagen Menschen meistens zwar nur so dahin, aber man kann ja nicht genau wissen, ob sie auf diese Weise Engeln tatsächlich auf die Spur kommen.

„Sie nehmen auch die Daisy zu sich, wenn ich das möchte. Und meine Mutter und die Larissa beschweren sich immer mehr, dass mein Vater so viel Zeit mit ihr verbringt. Der ist eigentlich froh, dass er jemanden hat, mit dem er viel draußen sein kann. Wir holen Daisy gleich ab. Dann lasse ich sie erst einmal mit den beiden Ball spielen. Wenn sie das zulässt, ist das ja immer das Zeichen, ob sie jemanden mag oder nicht. Aber ich glaube, sie werden sich wirklich mögen!“

Wieder entsteht eine kleine Pause, in der sich Lea Hafenmeister auf Magdalena konzentriert. Und wir merken beide, dass es jetzt genug für sie ist.
„Ich hab’ Dich lieb und bete für Dich! Und morgen Nachmittag kommen der Leo und ich Dich besuchen!“

Sie drückt kurz ei Hand ihrer Freundin und steht auf. Und während ich auch aufstehe, verstärke ich mein Schutzsiegel für Magdalena und lasse meine Hand wieder zu einer einfachen Menschenhand werden.

„Frau Engel, sind sie noch da?“ fragt Frau Hafenmeister, die so erleichtert über das Erlebte ist, dass sie noch nicht ganz in der neuen Situation angekommen ist.

„Ich bin hier!“ antworte ich und biete ihr wieder meinen Arm an.
„Ich habe wirklich gar nicht gemerkt, dass Sie noch da waren!“
„So soll es auch sein! Es ist gut, dass sie sich ganz auf sie konzentriert haben.“

Als wir vor dem Krankenzimmer stehen, kommt Raela auf uns zu. Sie sagt nicht, denn sie merkt, wie gut alles gegangen ist.

„Ich möchte sie gern noch zu einer Tasse Kaffee einladen, bevor wir zu meinen Eltern fahren.“
Das schlagen wir ihr natürlich nicht aus, obwohl wir auch ohne diese Geste spüren, wie dankbar sie uns ist. Und was haben wir gleich zu Anfang des Schutzengelseminars gelernt? Für Menschen ist es gesund, wenn sie zur Dankbarkeit fähig sind und sie ausleben dürfen.

© Paula Grimm, 2015

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